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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 616

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
616 (sequence 26)
Language
German
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6x6 Arjeh Tartakower: Kampf in Rußland und sah darin den deutlichsten Beweis reaktionärer Gesinnung. Nichtsdestoweniger stand man doch einer elementaren Bewegimg gegenüber, mit deren Grundprinzip man sich irgendwie auseinandersetzen mußte. Anderseits begann aber auch die internationale sozialistische Bewegung ihre Stellungnahme der nationalen Frage gegenüber bedeutend zu ändern und von einer ablehnenden oder im besten Falle neutralen Haltung zu einer positiven Stellungnahme überzugehen. Diese veränderte Haltung zeigte sich klar zum erstenmal auf dem Brünner Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie (September 1899). Unter ihrem Einfluß bog auch die R. S. D. A. P. von ihrer bisherigen Bahn ab und proklamierte schließlich das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. All diesen Erscheinungen stand die 4. Bundesdelegiertenkonferenz (Bialystok, Mai 1901) gegenüber. Es war die erste Konferenz des „Bund", auf der die nationale Frage ernst und erschöpfend behandelt wurde. Es wurde hier zum erstenmal betont, daß die Juden (zumindest die Juden in Rußland) eine Nation seien, gleich allen anderen Nationen, und daß sie folglich auch nationale Bedürfnisse hätten. Man einigte sich schließlich nach langen Debatten auf die vorsichtige Forderung einer national-kulturellen Autonomie für das jüdische Volk in Rußland. Dieser Beschluß wurde später zu einem der Hauptstreitpunkte im Kampf des „Bund" mit den anderen, neu entstandenen jüdischen sozialistischen Organisationen. Indessen dauerte es lange Jahre, bis der Bund einen weiteren Schritt vorwärts machte. Die nächsten Jahre nach 1901 waren in dieser Beziehung eher Jahre des Rückschrittes. Gegen das nationale Judentum wurde ein bitterer Kampf eröffnet, in dem so ziemlich jedes Mittel gut war. Man erklärte sich zunächst ganz desinteressiert in der Frage der Assimilation. Ebensowenig wie man den nationalen Charakter der jüdischen Kultur bekämpfen könne, ebensowenig könne man der Assimilation ihr Lebensrecht bestreiten. Allerdings seien die Assimilationsbestrebungen ebenso wie die nationalistische Politik zu bekämpfen. Man dürfe in den Gang der Geschichte nicht eingreifen. Werde sich das jüdische Volk assimilieren, so werde das eben ein notwendiger Prozeß sein, gegen den man nicht auftreten dürfe x). Von diesem blinden Fatalismus in nationalen Angelegenheiten ging man dann zum Angriff über. Man bestritt die Existenz eines einheitlichen jüdischen Volkes. Es genüge weder nationales Bewußtsein, noch auch gemeinsame Vergangenheit, um die in aller Welt zerstreuten Massen der Juden zu einem einheitlichen Körper zusammenzuschweißen. Tatsächlich sei bereits das Judentum in eine Reihe von Kultur- und Schicksalsgemeinschaften gespalten, deren Zusammenhang ein äußerst loser, fast nur durch das häufig so schwache Glaubensbekenntnis gegeben sei. Man könne noch nicht von mehreren jüdischen Nationen, aber auch nicht mehr von einer jüdischen Nation reden. Wenn es auch x) W. Medem: „Nationalismus und Sozialdemokratie" 1906, (jiddisch).

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