Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 615 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus zisiert und der Kampf um ihre Verwirklichung begonnen. Von einer positiven Stellungnahme zu den jüdischen Volksfragen kann man also erst in den zwei letzten Epochen sprechen. Allerdings tauchte bereits kurze Zeit nach der Entstehung des „Bund" die Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in Rußland auf (das erstemal wurde diese Forderung durch die jüdischen Sozialisten schon im Jahre 1894 aufgestellt). Mit Berufung auf diese Forderung (und auch auf die Notwendigkeit einer Propaganda durch jiddische Literatur und in jiddischer, Sprache) wurde sogar die Sonderstellung des „Bund" innerhalb der russischen sozialistischen Bewegung gerechtfertigt. Indes hatte diese Forderung mit einer positiven Stellungnahme in der nationalen Frage nichts zu tun. Im Gegenteil, sie diente mit zum Vorwand, jede jüdische nationale Bewegung scharf abzulehnen. Lange Jahre dauerte es übrigens, bis man sich überhaupt das Bestehen einer jüdischen nationalen Frage vergegenwärtigte. Sie tauchte zum erstenmal auf der dritten Bundesdelegiertenkonferenz (Kowno 1899) auf. Ein Delegierter wagte dort zu behaupten, daß die Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden (der einzige jüdische Punkt in dem damaligen Programm des „Bund") nicht genüge und daß man sie durch die Forderung nationaler Rechte ergänzen müsse. Er berief sich hierbei auf die Verhältnisse in Deutschland, wo trotz der völligen bürgerlichen Gleichberechtigung das polnische Proletariat sich nicht entwickeln könne, wdl es auf Schritt und Tritt unter nationaler Unterdrückung (z. B. unter dem Verbot auf den Versammlungen in polnischer, also in der einzigen dem Arbeiter verständlichen Sprache zu sprechen, unter dem Verbot, polnische Zeitschriften herauszugeben u. dgl.) leide. Seine Anschauung konnte sich natürlich nicht durchsetzen. In der Flut der Argumente, die gegen sie erhoben wurden, waren zwei besonders bemerkenswert. Erstens, so wurde behauptet, sei es überhaupt gefährlich, den Arbeiter auf das Bestehen irgendeiner jüdischen nationalen Frage aufmerksam zu machen. Sein Klassenbewußtsein könne darunter leiden, chauvinistische Gefühle können in ihm erzeugt werden. Zweitens aber sei es sinnlos, nationale Forderungen aufzustellen, bevor die bürgerliche Gleichberechtigung erkämpft sei. Man wisse ja gar nicht, wie das jüdische Leben dann aussehen werde. Vielleicht werden die Juden dann auf die eigene Sprache verzichten, keine eigenen Schulen, keine abgesonderte Gemeinde u. dgl. mehr haben wollen. Wie könne man also in einer derartigen Ungewißheit bestimmte nationale Forderungen aufstellen? Diese Argumentation genügte vollkommen, um die Frage von der Tagesordnung abzusetzen. Indessen war das Leben doch stärker als die Theorie. Der politische Zionismus begann eben in jener Zeit, die Herzen in Rußland für sich zu gewinnen. Er wurde zwar vom „Bund" vom ersten Augenblick an als eine chauvinistische und bourgeoise Bewegung aufs heftigste bekämpft, und jede zionistische Versammlung und Konferenz wurde auf die gehässigste Weise angegriffen und verspottet. Man verübelte insbesondere den russischen Zionisten ihre absolute Neutralität im politischen