Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 614 (sequence 24)
- Language
- German
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614 Arjeh Tartakower: abspenstig zu machen. Indessen dauerte dieser Zustand nicht lange. Einerseits war der „Bund" weit davon entfernt, ein Märtyrer der nationalen Sache werden zu wollen, anderseits gab auch die R. S. D. A. P. im Lauf der Zeit ihre unversöhnliche Haltung in der Frage der Zentralisation und des teritorialen Aufbaus auf. Außerdem machte die Revolution des Jahres 1905 ein gemeinsames Vorgehen aller sozialistischer Parteien absolut notwendig. So kam es denn bereits im April des Jahres 1906 zu einer Einigungskonferenz in Stockholm, in der der Wiedereintritt des „Bund" und zugleich der Eintritt der polnischen sozialistischen Partei (der P. S. D.) und der lettischen sozialdemokratischen Partei in die R. S. D. A. P. beschlossen wurde. Der Beschluß wurde dann durch die 7. Delegiertenkonferenz des „Bund" (Lemberg, August 1906) bestätigt. Noch schlimmer war es mit dem Verhältnis des „Bund" zur polnischen sozialistischen Partei (der P. P. S.) bestellt. Diese im Jahre 1892 gegründete Organisation ging auf das Ziel los, das ganze sozialistische Leben unter ihrer Ägide zu vereinigen, und war sehr unangenehm enttäuscht, im „Bund" einen Konkurrenten in der jüdischen Gasse zu finden. Anderseits tat sie aber gar nichts für die jüdische Arbeiterschaft, die in den ersten Jahren ihres Bestehens einen ziemlich großen Prozentsatz ihrer Mitglieder ausgemacht hatte, und ging sogar so weit, ihren jüdischen Sektionen die Herausgabe besonderer Zeitschriften in jiddischer Sprache zu verbieten. Sofort nach der Gründung des „Bund" sprach sich die P. P. S. (auf ihrem vierten Kongreß im Jahre 1897) sehr scharf gegen ihn aus. In der Folgezeit machte sie immer wieder Versuche, den „Bund" in seiner Tätigkeit zu stören, was dessen vierte Delegiertenkonferenz zu dem Beschluß nötigte, daß die auf die Vernichtung des „Bund" gerichtete Tätigkeit der P. P. S. mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen sei. Das Verhältnis zwischen den beiden Parteien blieb auch weiterhin ein sehr gespanntes, wenngleich es auch hier gelegentlich (insbesondere anläßlich der Maidemonstrationen) zu einem Zusammenwirken kam. Es ist leicht möglich, daß dem „Bund" erst anläßlich seiner Reibungen mit den anderen sozialistischen Parteien sein Judentum zum Bewußtsein gekommen ist. Wenigstens war von einem derartigen Bewußtsein in den ersten Jahren seines Bestehens fast keine Spur. Im Verhältnis des „Bundes" zur nationalen Frage lassen sich sehr deutlich einige Epochen unterscheiden, die nicht in letzter Linie durch die äußere Entwicklung der Dinge verursacht worden sind. Nach dem Eingeständnis eines der Führer der Bewegung selbst (W. Medem: „Sicbrojnes un Artiklen"1) Warschau 1918) gibt es vier derartige Epochen. In der ersten hat der „Bund" die nationale Frage überhaupt ignoriert, in der zweiten hat er zugleich mit der R. S. D. A. P. das Selbstbestimmungsrecht aller Nationen gefordert, ohne auf die Frage näher einzugehen; in der dritten wurde die Forderung der national kulturellen Autonomie aufgestellt und in der vierten endlich die konkreten Forderungen des jüdischen Volkes in Rußland näher präx) Memoiren und Aufsätze.