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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 613

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
613 (sequence 23)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 613 Ein eigenartiges Kapitel in der Geschichte des „Bund" bildete sein Verhältnis zu den anderen sozialistischen Parteien. Zur Zeit, da der „Bund" entstand, gab es noch keine einheitliche russische sozialistische Partei. Sie wurde erst auf der ersten Landeskonferenz der russischen Sozialisten (März 1898) begründet, auf der auch der „Bund" durch zwei Delegierte vertreten war. Der „Bund" trat sodann als autonome Gruppe in die Organisation ein. Seine "Sonderstellung motivierte er durch die Notwendigkeit, außer für die allgemeinen sozialistischen Ideale auch tür spezifisch jüdische Bedürfnisse, insbesondere für die bürgerliche Gleichberechtigung dei Juden kämpfen zu müssen. Er ging dabei von dem Gesichtspunkt aus, daß unter der Unterdrückung der Juden in Rußland (insbesondere unter der Verweigerung der Freizügigkeit und unter dem Ausschluß von den Schulen) am schwersten das jüdische Proletariat leide und daß es daher für seine Massen keine Erlösung geben könne, bevor nicht jene Beschränkungen weggefallen seien. Im übrigen nahm der „Bund" das Programm der russischen sozialistischen Arbeiterpartei (R. S.D.A.P.), das besonders stark den politischen Kampf betonte, vollkommen an. Doch genügte diese Stellungnahme den Führern der R. S. D. A. P. (unter denen sich übrigens viele assimilierte Juden befanden) nicht. Die Partei, die in nationalen, wie auch in religiösen Fragen nicht gleichgültig genug sein zu können glaubte und in ihrem Programm die Einmischung des Staates in derlei Angelegenheiten sowohl in negativem als auch in positivem Sinne ablehnte, witterte, übrigens ganz irrtümlicherweise, im Verhältnis des „Bundes" zu ihr einen jüdischen Nationalismus. Die Sonderstellung des „Bund", die ihr die unmittelbare Leitung über einen großen Teil der aktivsten sozialistischen Arbeiterschaft, die sonst zur allgemeinen Agitation hätte verwandt werden können, entriß, war ihr ein Dorn im Auge. Man verstieg sich sogar zu der Behauptung, daß es eine spezifische jüdische Frage in Rußland gar nicht gebe (das Z. K. des „Bund" mußte in seinem Bericht an den internationalen sozialistischen Kongreß im Jahre 1900 diese Behauptung allen Ernstes widerlegen) und warf dem „Bund" separatistische Neigungen vor. Das Verhältnis zwischen der R. S. D. A. P. und dem „Bund" wurde immer schlimmer, um so mehr, als auch in Organisationsfragen bedeutende Differenzen der Anschauungen auftauchten. Der „Bund" war für eine Organisierung auf nationaler Grundlage, die R. S. D. A. P. für Organisierung auf territorialer Grundlage. Folgerichtig war auch der „Bund" für einen Föderativbund der nationalen sozialistischen Parteien, während die R. S. D. A. P. einen strengen Zentralismus verfocht. Infolge der letzten Frage kam es schließlich zum offenen Bruch. Als das von der fünften Delegiertenkonferenz (Zürich 1903)^ beschlossene Föderativstatut von der zweiten Konferenz der R. S. D. A. P. (Brüssel-London, August 1903), die auch die Spaltung der Partei in Bolschewiken, Menschewiken und Zentrum brachte, abgelehnt wurde, erklärten die Delegierten des „Bund" (es waren ihrer 5) den Austritt ihrer Organisation aus der Partei. Einige Monate später (Juni 1904) gründete die R. S. D. A. P. das nordwestliche Komitee zur Propaganda unter den jüdischen Arbeitern, um sie dem „Bund"

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