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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 612

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
612 (sequence 22)
Language
German
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612 Ar j eh Tartako wer hatte. An zentralen Organen für die ganze Bewegung wurden außer dem bereits erwähnten „Jüdischen Arbeiter", der im Ausland erschien, und der „Arbeiterstimme" noch seit 1904 in jiddischer Sprache der „Bund", in russischer „Wiestnik Bunda" und in polnischer „Glos Bundu", seit .1905 in jiddischer Sprache „Letzte Neuigkeiten" herausgegeben. Außer diesen zentralen Organen erschienen aber fast in jeder größeren lokalen Organisation Zeitschriften oder zumindest Flugblätter. So gaben die Oiganisationen in Wilna, Minsk, Bialystok, Hornel, Pinsk, Lodz, Dwinsk, Kowno, Witebsk, Berditschew, und noch viele andere kleinere Organisationen eigene Zeitschriften heraus. Dasselbe taten die beiden Landesgewerkschaften der Bürsten- und Gerberarbeiter (Organ der ersten: „Der Wecker" seit 1898, der zweiten: „Der Kämpfer" seit 1901). Außer den Zeitschriften wurde eine Unmenge Broschüren, Proklamationen, Flugblätter, Aufrufe u. dgl. gedruckt und verbreitet, die zwar sehr oft den Fragen des ökonomischen Kampfes gewidmet waren, viel häufiger aber politische Fragen behandelten und zur Aufklärung der Massen viel beitrugen. Infolge der äußerst streng gehandhabten Vorschriften über das Versammlungswesen, die fast jede Versammlung unmöglich machten, waren diese geheim gedruckten Schriften das beste, zu gewissen Zeiten sogar das einzige Mittel zur Aufrechthaltung der revolutionären Stimmung in der Masse. Sie wurden alle ausnahmslos geheim gedruckt, weil ja die Zensur derartige Schriften nie passieren lassen würde. Vieles wurde, wie bereits erwähnt, im Ausland gedruckt und nach Rußland geschmuggelt, sehr vieles erschien aber auch seit der Gründung des „Bund" im Inland in eigens zu diesem Zweck hergerichteten geheimen Druckereien (und zwar sowohl russischen, als auch jiddischen), die sich in verschiedenen Ortschaften (Bobruisk, Wilna, Warschau, Kischinew) befanden und oft den Sitz wechselten, um von der Polizei nicht entdeckt zu werden. Erst nachdem die russische Revolution des Jahres 1905 die Pressefreiheit für eine kurze Zeit durchgesetzt hatte, wurde zum erstenmal der Versuch gemacht, legale Zeitschriften herauszugeben, und zwar eine in russischer und eine in jiddischer Sprache. Indessen wurde die russische, die unter dem Namen „Jevrejski Rabotschi" (Der jüdische Arbeiter) in Petrograd erschien, bereits nach der ersten Nummer unterdrückt und der verantwortliche Redakteur zu drei Jahren Kerker verurteilt. Die jiddische „Wecker" in Wilna hielt sich zwar trotz aller Verfolgungen seitens der Behörden (der Chefredakteur wurde bereits nach kurzer Zeit verhaftet) längere Zeit, aber auch sie erreichte schließlich das Verhängnis. Bereits nach der 9. Nummer mußte die bisher am Anfang jeder Nummer wiederholte Deklaration, daß die Zeitschrift auf dem Boden des Programms des „Bund" stehe, fallen gelassen werden, das Redaktionskollegium begann sich im geheimen zu versammeln, um nicht insgesamt verhaftet zu werden, und nach der 33. Nummer wurde endlich die Zeitschrift unterdrückt. Nach einigen vergeblichen Versuchen, sie unter einem anderen Titel herauszugeben, gab man endlich die Sache auf und ging wiederum dazu über, die Organe geheim herauszugeben.

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