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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 611

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
611 (sequence 21)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 611 Lokalkomitee des „Bund" in Minsk, wo sich der Hauptsitz der „Unabhängigen" befand, den gesellschaftlichen Boykott gegen die Anhänger Subatows. Und auch im Innern der jungen Partei selbst begannen sich Zweifel zu regen, die sich noch verstärkten, als der Versuch, Sektionen der Partei in Wilna und in Südrußland zu gründen, mißlang. Man begann die Reinheit der Absichten Subatows in Zweifel zu ziehen, wurde immer schüchterner in der Betonung der Regierungsfreundlichkeit der Partei und verzichtete schließlich sogar darauf, die fortwährenden bitteren Angriffe auf die Partei abzuwehren. Ein klarer Beweis für die große Unruhe, die irn Herzen vieler Mitglieder der Partei bereits kurze Zeit nach ihrer Gründung zu wühlen begann, ist der Brief einer ihrer führenden Persönlichkeiten, der Arbeiterin ManiaWilbuschewitsch an Subatow (datiert vom August 1900), der nach dem Umsturz in Rußland im Jahre 1917 in einem Geheimarchiv gefunden und von B. Michalewitsch in seinem im Jahre 1921 erschienenen Werk: „Memoiren eines jüdischen Sozialisten" veröffentlicht wurde. Es ist ein seltsames Gemisch von Verehrung und Haß (und zwar mehr Haß als Verehrung) und gibt zugleich ein anschauliches Bild der Stimmung, die die Versuche Subatows in der jüdischen Arbeiterschaft erregten. Die tragischen Gefühle des Zweifels ergeben sich aus diesem Briefe mit völliger Klarheit. Die Partei hat nie viele Anhänger gehabt. Bloß bei Streiks, wo die Hilfe der Behörden von Bedeutung werden konnte, schlössen sich ihr viele Arbeiter an, die sie jedoch regelmäßig nach der Beendigung der Aktion wieder verließen. Und auch von den wenigen festeren Anhängern verlor sie immer neue von Tag zu Tag, um so mehr, als trotz aller Versprechungen und Bestrebungen die offizielle Legalisierung der Partei nicht erfolgte und sie sozusagen von der Gnade der Behörden lebte. Als schließlich auch Subatow selbst, dessen Experiment von den Zentralbehörden als gescheitert angesehen wurde, in Ungnade fiel und unter Polizeiaufsicht gestellt wurde, beschloß endlich die Partei im Juli des Jahres 1903 freiwillig ihre Auflösung, In dem Auflösungsmanifest gab sie reumütig ihren Irrtum zu und betonte, daß der Kampf der Arbeiter um ihre Befreiung mit dem Kampf gegen die absolute Herrschaft in Rußland kombiniert werden müsse. Ein großer Teil ihrer Mitglieder trat wiederum in sozialistische Parteien ein, viele auch in den „Bund" zurück. So endete der erste und letzte Versuch einer Zusammenarbeit zwischen den russischen Behörden und der jüdischen Arbeiterbewegung. Von nun an blieb nur noch der einzige Weg des blutigen und rücksichtslosen Kampfes, der übrigens auch während der zwei Jahre des Bestehens der „Unabhängigen Partei" gegen die übrige jüdische Arbeiterschaft geführt wurde. Daß der »Bund" trotz der blutigen Verfolgungen unerschrocken weiter kämpfte, zog ihm die Bewunderung des ganzen russischen Proletariats zu. So wurde denn bereits auf dem internationalen Sozialistenkongreß in London im Jahre 1896 die jüdische Arbeiterklasse als die Avantgarde des revolutionären Proletariats in Rußland bezeichnet. Ein ausgezeichnetes Mittel in seinem politischen Kampf war dem „Bund" sein Schrifttum, das sich bereits während der ersten paar Jahre seines Bestehens ganz bedeutend entwickelt 39*

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