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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 610

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
610 (sequence 20)
Language
German
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6io Arjeh Tartakower: in Verbrecherkolonnen einen Leidensweg, der in vielen Fällen mit dem Tode oder einer unheilbaren Krankheit (meist Schwindsucht) endete. Schaudernd lesen wir die Schilderungen der bedeutendsten Führer des „Bund" über ihre schrecklichen Leiden in den russischen Gefängnissen; am bekanntesten sind die von B. Michalewitsch und W. Medem. So ist denn die Geschichte der jüdischen sozialistischen Parteien in Rußland bis zum völligen Zusammenbruch der Zarenherrschaft im Weltkrieg (mit einer ganz geringen Unterbrechung im Jahre 1905) zugleich eine Geschichte des Martyrologiums von Hunderten und Tausenden Arbeitern und Arbeiterführern, das den Haß gegen die Regierung immer mehr steigerte und viel zur scharfen Radikalisierung der Bewegung beitrug. Einmal nur wurde von offizieller Seite der Versuch gemacht, einen anderen Kurs gegenüber der jüdischen Arbeiterschaft einzuschlagen. Es war dies der im Jahre 1901 vom Kommandanten der Moskauer Ochrans, dem Gendarmerieoberst Subatow, unternommene und von der Regierung zumindest geduldete Versuch, eine regierungstreue jüdische Arbeiterbewegung zu schaffen. Der Gedanke war ganz einfach: Die jüdische Arbeiterschaft sollte davon überzeugt werden, daß die Regierung ihren ökonomischen Kampf billige und sogar bereit sei, ihr darin Beistand zu leisten, und sie sollte dafür auf jede Agitation gegen die bestehende politische Ordnung in Rußland verzichten. Tatsächlich gelang es Subatow, eine Reihe von Arbeiterführern, die er im Moskauer Gefängnis kennen gelernt hatte, für seinen Plan zu gewinnen. So begann denn die Agitation für eine regierungsfreundliche oder zumindest in politischen Dingen ganz neutrale Partei unter den jüdischen Arbeitern. Im Juli des Jahres 1901 erschien in Minsk das Manifest der neugegründeten „Unabhängigen Jüdischen Arbeiterpartei", das zur Organisierung nur unter dem Gesichtspunkt des reinen gewerkschaftlichen Kampfes aufforderte. Subatow erteilte seinerseits den ihm untergeordneten Gendarmeriekommandanten den Befehl, die „Unabhängigen" in ihrer Tätigkeit keineswegs zu stören und ihnen im Gegenteil jeden möglichen Beistand zu leisten. So sah denn die russische Öffentlichkeit zum erstenmal das merkwürdige Schauspiel, daß Arbeiterversammlungen am hellichten Tage vor den Augen der Behörden stattfanden, ohne daß diese den Versuch machten, sie irgendwie zu stören, und daß Streiks losbrachen, bei denen sich die Polizei ganz passiv verhielt oder gar die Unternehmer zum Nachgeben zwang, während es sich früher, von Arbeiterverhaftungen ganz abgesehen, ziemlich oft ereignet hatte, daß die Unternehmer behördlich dafür bestraft wurden, weil sie die Forderungen der Arbeiter erfüllt hatten. Indessen gelang es der Bewegung nicht, dauernd Fuß zu fassen. Der „Bund" nahm vom ersten Augenblick an auf das schärfste Stellung gegen das Vorhaben Subatows. Noch im August des Jahres 1900, also vor der Gründung der Partei der „Unabhängigen", veröffentlichte das Z. K. einen Aufruf, in dem es das Vorhaben Subatows als eine Niederträchtigkeit sondergleichen bezeichnete und jeden Arbeiter als Verräter zu brandmarker drohte, der sich ihm anschließen würde. Folgerichtig erklärte auch das

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