Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 608 (sequence 18)
- Language
- German
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6o8 Als eine sozialistische Organisation konnte sich der „Bund" naturgemäß nicht auf den ökonomischen Kampf beschränken. Sein politisches Aktionsprogramm war von Anbeginn an gegeben, und wenn es auch in den ersten Jahren an Bedeutung hinter dem wirtschaftlichen Kampf zurücktrat, so tauchte es dann in den ersten Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts desto gewaltiger auf. So beschloß schon die dritte Bundesdelegiertenkonferenz, das politische Moment in der Bewegung zu verstärken und den Umfang der politischen Aktion zu vergrößern. Als ein Teil der russischen sozialistischen Partei nahm der „Bund" auch ihr politisches Programm an, das zunächst die Bekämpfung der absoluten Herrschaft in Rußland und die Schaffung eines freien, demokratischen Staatswesens verlangte, in dem die Arbeiterklasse mit den gleichen Mitteln wie in den anderen europäischen Staaten um die Erweiterung ihrer Macht kämpfen könne. Dies bedeutete aber einen unerbittlichen Kampf gegen die damalige politische Ordnung der Dinge in Rußland. Der Kampf wurde auf beiden Seiten gleich unerbittlich geführt, wenngleich natürlich die Kräfte nicht gleich waren. Der „Bund", dessen sozialistische Tätigkeit ja ohnehin Hochverrat bedeutete, erließ Proklamationen an die Arbeiterschaft und an die jüdische Gesellschaft überhaupt, worin er auf die Schädlichkeit der absoluten Herrschaft in Rußland aufmerksam machte. Er ließ keine einzige Gelegenheit unbenutzt, ohne auf die sehr zahlreichen Übergriffe der russischen Behörden, insbesondere der Polizei hinzuweisen und sie entsprechend zu brandmarken. Demonstrationen wurden organisiert, bei denen neben der Betonung der sozialistischen Forderungen auch gegen die absolute Herrschaft oder gegen die Gewalttaten der Behörden protestiert wurde. Der i. Mai war die beste Gelegenheit zu derartigen Demonstrationen. Im Jahre 1897 wurde zum erstenmal der Versuch gemacht, am 1. Mai eine Demonstration zu veranstalten. Seither wurden sie alljährlich wiederholt, sehr oft in Verbindung mit anderen (russischen oder polnischen) sozialistischen Parteien. Besonders imposant waren die Demonstrationen in Wilna und Warschau im Jahre 1902. Doch wurden Demonstrationen auch bei anderen Gelegenheiten veranstaltet, z. B. anläßlich der Verhaftung oder Verschickung von Arbeiterführern oder der Mißhandlung von Arbeitern. Es kamen auch Akte von politischem Terror vor. Neben der Ermordung einer Anzahl von Spionen und Verrätern (die es, wie überall in Rußland, so auch unter den jüdischen Arbeitern gab) war am bekanntesten das Attentat des Wilnaer Schusters Hirsch Lekert gegen den dortigen Generalgouverneur von Wohl (Mai 1902), der die anläßlich der Maidemonstration Verhafteten hatte prügeln lassen. Wiewohl sich die vierte Bundesdelegiertenkonferenz, wie erwähnt, gegen den politischen Terror aussprach, tauchte die Frage doch kurz darauf wieder auf, als die russische Polizei dazu überging, gegen die verhafteten Revolutionäre Leibesstrafen zu verhängen. Die vierte Konferenz der Vertrauensmänner des „Bund" (September 1902) forderte daraufhin alle Mitglieder auf, jede derartige schmähliche Erniedrigung mit einem Racheakt zu beantworten, was der Empfehlung des Terrors gleichkam. In-