Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 607 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 607 deutend von diesen unterschied. Sie bestand im Wesentlichen darin, daß sich alle Arbeiter des Fachs, und zwar sowohl die arbeitenden als auch die arbeitslosen, an einem bestimmten Tag der Woche (zumeist Sonntag) auf einem bestimmten Platz versammelten, wodurch die Arbeitgeber, die Arbeiter suchten, gezwungen waren, sich auf den Platz zu begeben, wo ihnen die nötigen Kräfte durch die Führer der Gewerkvereine zugewiesen wurden. Dadurch wurde verhindert, daß sich die Arbeitslosen, die meist von außen kamen und die Arbeitsverhältnisse an Ort und Stelle gar nicht kannten, gegenseitig unterboten oder Arbeit zu Bedingungen annahmen, die schlechter waren, als die durch die Gewerkschaft ausgekämpften. Um die Erhaltung dieser Arbeitsbörsen wurde erbittert gekämpft, und gar mancher Streik brach aus, um die Unternehmer zur Unterwerfung unter sie zu zwingen. Erst um die Jahre 1906—07 begann die Kraft der Arbeitsbörsen abzunehmen, als in den betreffenden Fächern die Konkurrenz der christlichen Arbeiter größer wurde, die die Arbeitsbörsen nicht anerkennen wollten. Nichtsdestoweniger vegetierten sie noch jahrelang fort und verschwanden erst am Anfang des Weltkrieges Man kann über die Bedeutung dieses vom „Bund" entfachten Kampfes in der jüdischen Gasse natürlich sehr verschiedener Meinung sein. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß sehr viele seiner Siege Pyrrhussiege waren. Das jüdische Handwerk, das ja ohnehin schwer um seine Existenz zu kämpfen hatte, war den großen Lasten, die die Kürzung der Arbeitszeit und die Erhöhung des Lohnes mit sich brachten, nicht gewachsen und brach vielfach zusammen. Andererseits aber bedeutete es einen großen Fortschritt, daß sich die ganz unerträglichen Arbeitsverhältnisse in den jüdischen Fabriken besserten und der parasitäre Typus des Vermittlers vielfach verschwand. Und auch der Tod des Handwerks, das ja ohnehin zum Untergang verurteilt war und dessen Schicksal durch die Arbeiterbewegung nicht bewirkt, sondern nur beschleunigt wurde, wäre an sich kein tragisches Ereignis gewesen. Aber es brachte eine große Vermehrung des jüdischen Proletariats mit sich, für das in Rußland kein Platz war und das im Ausland (meist in Amerika) der gleichen oder noch schlimmerer Ausbeutung preisgegeben war wie in Rußland. Insofern war also das wirtschaftliche Werk des „Bund" ganz gewiß ein halbes. Was zu tun sei, um dem neuentstandenen jüdischen Proletariat, das unter dem doppelten Druck der nationalen und der sozialen Unterdrückung litt und bei dem sich diese beiden Pressionen in unheilvollster Weise kombinierten, um diesen doppelt Enterbten zu einer menschenwürdigen Existenz zu verhelfen, daran dachte der Bund, der einen irgendwie eingreifenden Unterschied zwischen dem jüdischen und dem nicht jüdischen Proletariat beharrlich negierte, am allerwenigsten. Es blieb dem späteren proletarischen Zionismus vorbehalten, diese Frage aufzustellen und nach ihrer Lösung zu suchen. . *) Öie Angaben über die Arbeitsbörsen sind entnommen dem Aufsatz über dieses Thema lr& »Sammelbuch, herausgegeben zur Feier des 25 jährigen Bestehens des Bund" (Warschau J922, jiddisch.