Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 606 (sequence 16)
- Language
- German
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6o6 Arjeh Tartakower: 239 (also 91,2%) von ihnen hatten die Arbeiter gesiegt, in 23 Fällen (8,8%) waren sie der unterlegene Teil, so daß also die Resultate für die jüdische Arbeiterschaft sehr günstig waren, was sowohl auf die Stärke der Arbeiterorganisation als auch auf die Schwäche der Unternehmer (insbesondere der Handwerker) zurückzuführen ist. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle (66% bei den Fabrikarbeitern, 88% bei den Handwerkerarbeitern) wurde für einen kürzeren Arbeitstag und höheren Lohn gestreikt, und zwar wurde in den Fabriken viel öfter um höheren Lohn, als um kürzeren Arbeitstag (da ja der Arbeitstag in den Fabriken ohnehin „bloß" 12 Stunden betrug) gestreikt, während beim Handwerk das Verhältnis umgekehrt war. Andere Forderungen, die zum Streik führten, waren: Abschaffung des Stücklohnsystems, Wiederanstellung von Arbeitern, die wegen ihrer agitatorischen Tätigkeit entlassen worden waren, bessere Behandlung, Gewährung ärztlicher Hilfe, Errichtung von Krankenhäusern für Arbeiter, Abschaffung der Nachtarbeit und der Überstunden, Einführung von Abrechnungsbüchern, pünktliche Lohnzahlung, kein Lohnabzug für minderwertige Ware, Entfernung von Meistern, die die Arbeiter schlecht behandelten, Abschaffung der Akkordarbeit, Gewährung von Pausen für Frühstück und Mittagessen, kein Zurückhalten eines Teiles des Lohnes, um den Arbeiter an die Fabrik oder Werkstatt zu binden usw. Außer den Fabrik- und Handwerkerarbeitern wurden auch Angestellte, Bauarbeiter und große Teile des Lumpenproletariats (Träger, Hafenarbeiter) in die Streikbewegung hineingezogen. Im Durchschnitt dauerte ein Streik in einer Fabrik 18 Tage, in einer Handwerkerwerkstätte 21 Tage —• ein Beweis, wie schwer der Kampf überhaupt und wie verzweifelt er bei den Handwerkern war. Doch war der Streik, wenn auch das hauptsächlichste, so doch nicht das einzige Mittel des ökonomischen Kampfes. Man versuchte es manchmal mit einem Boykott mißliebiger Unternehmer, indem man entweder die Arbeit bei ihnen verließ und neue Arbeiter sich diesen Betrieben nicht zur Verfügung stellten, oder indem man unter der Bevölkerung agitierte, keine Erzeugnisse des Unternehmers zu kaufen, was bei der Kleinheit sehr vieler jüdischer Fabriken, die in der Hauptsache auf den lokalen Absatz angewiesen waren, ein sehr wirksames Mittel bedeutete. Man schreckte sogar vor Terrorakten nicht zurück, wie Drohungen, Überfälle auf Unternehmer und besonders auf Vermittler (es kamen sogar einige Fälle von Tötung von Vermittlern vor) und Streikbrecher, Zertrümmern von Fabrikeinrichtungen u. dgl. Doch waren naturgemäß solche Fälle, die von der Polizei immer mit schärfsten Repressalien beantwortet wurden, nicht häufig, und schließlich sprach sich auch die vierte Bundesdelegiertenkonferenz gegen den ökonomischen Terror aus. Ein besonderes Kapitel war der Kampf um die Arbeitsbörsen, die gegen Ende des Jahrhunderts unter den Bauarbeitern in den Städten Litauens auftauchten. Das war eine eigenartige Organisation, die manche Züge mit den modernen Arbeitskammern und Arbeitsvermittlungsämtern gemeinsam hatte, sich aber andererseits be-