Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 605 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschiebte des jüdischen Soziaiismus 605 sich mit dieser Frage, konnteindes zu keinem Entschluß kommen, und so blieb alles beim Alten. Die Aufklärung der Arbeiter selbst erfolgte auf den Zusammenkünften („Schodkes" genannt), wo unter Leitung von Vertrauensmännern der Arbeiterschaft soziale und politische Fragen erörtert wurden. Fast alle Gruppen befanden sich übrigens auf dem Gebiet Kongreßpolens und Litauens. In Südrußland tauchten die Gruppen des „Bund" erst viel später auf. Die erste Gruppe würde in Kiew im Jahre 1903 gegründet. Sie bestand aus wenig Arbeitern und viel Intelligenzlern, zumeist Studenten. Dann folgten die Organisationen in Odessa, Kischinew usw. Die ersten autonomen Organisationen der jüdischen Sozialisten in Galizien entstanden dagegen erst im Jahre 1905, nach einem langen Kampf mit der polnischen sozialistischen Partei, die bis zu jenem Jahre auch die meisten jüdischen sozialistischen Arbeiter zu ihren Mitgliedern zählte, aber in gar keiner Weise für ihre Bedürfnisse sorgte. Sie nahmen zwar einen anderen Namen an als der „Bund" (die Organisation nannte sich „Jüdische Sozialistische Partei "Z. P. S.), standen aber nichtsdestoweniger in einer sehr nahen ideologischen und auch organisatorischen Verbindung mit ihm. Auf eine derartige streng zentralisierte Organisation gestützt, gelang es dem „Bund" großen Einfluß nicht nur auf das Leben der jüdischen Arbeiterschaft, sondern auch auf das ganze sozialistische Leben in Rußland einerseits, andererseits auf das jüdische allgemeine Leben dortselbst zu gewinnen. Was die jüdische Arbeiterschaft selbst betrifft, so suchte man zunächst ihre wirtschaftliche Lage durch fortdauernden Kampf zu verbessern. Die große Bedeutung des ökonomischen Kampfes nicht nur als Mittel zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter, sondern auch als ein Mittel zur Hebung ihres Klassenbewußtseins und ihrer Entwicklung in politischer Hinsicht wurde von der dritten Bundesdelegiertenkonferenz noch einmal aufs nachdrücklichste betont. Folgerichtig richtete die Partei ihre Tätigkeit danach ein. Die Streiks, die schon vor der Entstehung des Bund um die Mitte der 90 er Jahre immer zahlreicher wurden, wuchsen nach der Gründung der Partei lawinenartig an. Man kann ruhig behaupten, daß die Vorbereitung und Durchführung von Streiks den Löwenanteil an der Tätigkeit des „Bund" in den ersten Jahren seines Bestehens ausmachte. Nach seinem schon erwähnten Bericht an den internationalen sozialistischen Kongreß in Paris wurden in den zweieinhalb Jahren seines damaligen Bestehens 312 Streiks dem Z. K. gemeldet. Es fanden indes gewiß viel mehr statt, da viele kleinere Streiks nicht gemeldet wurden. Das Z. K. gibt selbst zu, daß es kein einziges Handwerk, keine einzige Fabrik gegeben habe, auf der nicht gestreikt wurde. Von den 312 Streiks fanden 140 in Fabriken, 169 unter den Handwerkern* statt und 3 waren Streiks der Hafen- und Flußarbeiter. Insgesamt hatten bis zu jener Zeit H832 Fabrikarbeiter und 13058 Handwerkerarbeiter gestreikt. Sehr oft versuchte man besonders unter den Handwerkern allgemeine Streiks zu organisieren, die alle Arbeiter des bestimmten Fachs umfaßten. Über den Ausgang der Streiks lagen genauere Nachrichten in 262 Fällen vor. In