Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 604 (sequence 14)
- Language
- German
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604 Arjeh Tartakower: reisten und die „unlegalen" Schriften (die ohne Zensur gedruckten oder aus dem Ausland herübergeschafften) mit sich führten, in der Hauptsache aber durch geheime, streng.chiffrierte Korrespondenz, die nur wenige Eingeweihte lesen konnten. Neben dem Z. K., das in Rußland selbst wirkte, bestand seit 1898 das ausländische Komitee des „Bund" mit dem Sitz in Genf, das als Zentralkomitee der (allerdings wenigen) ausländischen Gruppen des „Bund" fungierte, in der Hauptsache jedoch für die Herausgabe der sehr zahlreichen Schriften zu sorgen hatte, die im Ausland gedruckt und nach Rußland geschmuggelt wurden. Dem Zentralkomitee (in Rußland) unmittelbar untergeordnet waren die einzelnen lokalen Komitees, die die Bewegung in den Städten führten. Die Mitglieder wurden in den ersten Jahren sehr oft vom Z. K. einfach ernannt, indessen setzte sich später doch ein Wahlmodus durch, der allerdings nicht die ganze Arbeiterschaft, sondern nur deren Vertrauensmänner am Zustandekommen der Leitung beteiligte. - Die Aufgabe dieser Lokalkomitees war, die einzelnen Gruppen zu organisieren, den ökonomischen Kampf zu führen (die Streikparolen gingen meist von ihnen aus), lokale Proklamationen, in manchen Fällen auch lokale Zeitschriften, herauszugeben, Arbeiterversammlungen einzuberufen und Demonstrationen zu organisieren, überhaupt den politischen Kampf lokal zu führen. Ihnen wiederum untergeordnet waren einerseits die Versammlungen der Vertrauensmänner der Arbeiterschaft (die sogenannten Agitatorenversammlungen), in denen die wichtigsten lokalen Fragen der Bewegung besprochen wurden, anderseits die einzelnen Gruppen selbst, die in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gewerkschaftlich organisiert waren, aber, wie bereits erwähnt, zugleich ökonomische und politische Ziele verfolgten. Fast immer gruppierten sich die Mitglieder rund um die Kampfkassen (diesen Namen nehmen die alten Unterstützungskassen schon um die Mitte der 90 er Jahre an), die sich jedoch nicht darauf beschränkten, Geld für Streikunterstützungen zu sammeln, sondern darüber hinaus zur Aufklärung ihrer Mitglieder durch Gründung von Bibliotheken, Organisierung von Vorträgen und Versammlungen viel taten. Die Zahl der Mitglieder war naturgemäß unbeständig. In dieser Beziehung teilten die Kassen das Schicksal der Gewerkschaften bei anderen Völkern, wo die Zahl der Mitglieder auch ständig fluktuiert, nach einer gelungenen ökonomischen Aktion größer wird, nach einer mißlungenen aber (oft in sehr bedeutendem Ausmaße) abnimmt. Immerhin zeigte sich aber im Lauf der Zeit eine dauernde Steigerung, herbeigeführt durch ununterbrochene, energisch geleitete Agitation. Indessen blieb die Institution der Kassen selber nicht unangefochten. Die Streiks rissen nämlich fast immer auch sehr zahlreiche nichtorganisierte Arbeiter mit, und die .angesammelten Mittel genügten nicht zur Unterstützung aller. Anderseits schufen die Kassen geradezu Klassengegensätze innerhalb der Arbeiterschaft selbst, so daß immer wieder Stimmen laut wurden, die die Abschaffung des Kassensystems und die Einführung des Prinzips der freien politischen Vereinsorganisation verlangten. Die dritte Bundesdelegiertenkonferenz (Kowno 1899) befaßte