Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 603 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 603 Bericht für den internationalen sozialistischen Kongreß in Paris (September 1900) waren im Jahre 1900, also drei Jahre nach dem Entstehen des „Bund", in Wilna 1304 Arbeiter (24% der ganzen jüdischen Arbeiterschaft) durch ihn organisiert. In Hornel waren es 360 (40% der Arbeiterschaft), in Bialystok 1000 (20% der Arbeiterschaft), in Minsk 1000 (35 bis 40% der Arbeiterschaft), in Dwinsk 400; in der Gerbersektion 700, in der Bürstenarbeitersektion 800 (60% der Büistenarbeiter). Aus den anderen im Bericht erwähnten Städten (Warschau, Grodno, Lodz) sind zwar keine Mitgliederzahlen angeführt, nichtdestoweniger zeigen aber die Zahlen der Streikbewegungen, der verbreiteten Zeitschriften, Proklamationen und Aufrufe, der Versammlungen und Zusammenkünfte das imposante Bild einer unermüdlichen, wenn auch ziemlich einseitigen Tätigkeit. Bleiben wir zunächst bei der äußeren Organisation der Partei. Sie war recht kompliziert. Die oberste Instanz war (und ist bis zum heutigen Tag) die Bundesdelegiertenkonferenz. Sie wurde in den ersten Jahren sehr oft zusammengerufen (die zweite im September 1898 nach Kowno, die dritte im Dezember 1899 ebendorthin, die vierte im Mai 1901 nach Bialystok, die fünfte im Juni 1903 nach Zürich, die sechste im Oktober 1905 ebendorthin). Auf ihr waren nicht nur die lokalen Organisationen, sondern auch die beiden Landesgewerkschaften der Bürsten- und Gerberarbeiter vertreten (die erste im Januar 1898, die zweite im Oktober 1901 gegründet), die sich dem „Bund" bereits in den ersten Jahren seines Bestehens angeschlossen hatten. Die wichtigsten programmatischen und taktischen Beschlüsse wurden dort gefaßt, die großen Richtlinien der Tätigkeit der Partei wurden dort festgelegt. Außer diesen Bundesdelegiertenkonferenzen fanden (sehr oft im Anschluß an sie) Konferenzen der führenden Männer der Partei statt, auf denen gleichfalls manche wichtige Frage erörtert wurde. Das Exekutivorgan der Organisation in Rußland war das Z. K. (Zentralkomitee), das auf den Bundesdelegiertenkonferenzen gewählt wurde, sich in den ersten Jahren in der Hauptsache mit der Herausgabe von Broschüren, Zeitschriften und Proklamationen befaßte oder doch für deren Hinüberführung nach Rußland sorgte und schon deswegen einen ständigen Kontakt mit und zwischen den lokalen und Landesgewerkschaften unterhielt. Die Namen der Mitglieder des Z. K. wurden wegen der großen Gefahr, die ihnen infolge ständiger Verfolgungen durch Polizei und Gendarmerie drohte, streng geheimgehalten: sie waren nicht nur den einfachen Mitgliedern der Partei, sondern selbst den Komitees, die an der Spitze der lokalen Organisationen standen, und sehr oft sogar den Delegierten der Bundeskonferenz, die das Z. K. wählten, unbekannt. Die Wahl selbst erfolgte durch geheime Abstimmung, so daß nur der das Resultat erfuhr, der die Zettel einsammelte und die Stimmen zusammenzählte. Aus dem gleichen Grunde wurde auch der Sitz des Z. K. fortwährend verlegt. Er befand sich zuerst in Minsk, dann in Warschau, hierauf in Bialystok, dann wiederum in Minsk, dann in Dwinsk usw. Die Verbindung mit den lokalen Organisationen wurde oft durch die Führer selbst besorgt, die hin und her