Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 602 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Arjeh Tartakower: neunziger Jahre, einige Jahre nachdem sie entstanden war, bedeutend gewachsen, sowohl der Zahl der von ihr erfaßten Arbeiter wie der Intensität ihrer Tätigkeit nach. Auf dem internationalen Kongreß in London, Juli 1896, war die jüdische Arbeiterschaft bereits offiziell durch Plechanov und Vera Sasulitsch vertreten, die Mandate von Wilna, Warschau, Minsk und Smorgon inne hatten. Auch der internationale Arbeiterschutzkongreß in Zürich (1897) wurde von der jüdischen Arbeiterschaft aus einigen Städten telegraphisch begrüßt. Es zeigte sich indes immer mehr der Nachteil, daß die verschiedenen zerstreuten Gruppen nicht in einer einheitlichen Organisation zusammengefaßt waren. Es fehlte an einer einheitlichen Taktik, viele Gruppen vergeudeten ihre Kräfte in der Herausgabe von Broschüren und Proklamationen, die fast immer aus dem Ausland herübergebracht werden mußten und doch von einer Zentralstelle aus viel leichter hätten beschafft werden können, und, was das Wichtigste war, es fehlte an einer einheitlichen Stellungnahme gegenüber den vielen Fragen des inneren Leben Rußlands, den Fragen sozialer, politischer und auch nationaler Ait. Das Bedürfnis nach einer Zusammenfassung der zersplitterten Kräfte hatte bereits im Jahre 1895 zu einer gemeinsamen Konferenz der zwei bedeutendsten Gruppen, der Wilnaer und der Minsker, in Minsk geführt, wo die Frage des Zusammenschlusses der verschiedenen Gruppen zu einer einheitlichen Organisation erörtert wurde. Wiewohl sich diese erste gemeinsame Konferenz über die Notwendigkeit eines solchen Schrittes klar wurde, so sollte er, infolge von Schwierigkeiten verschiedenster Natur, erst im Jahre 1897 verwirklicht werden. In der Hauptsache hatten die im Jahre 1896 erfolgten Verhaftungen mehrerer Führer des jüdischen Sozialismus, diese Verzögerung verursacht. Die Gründungskonferenz der ersten allgemeinen jüdischen sozialistischen Organisation fand in Wilna, im September des Jahres 1897, *n einem kleinen Zimmer in einer der entlegensten Gassen der Stadt, in Anv/esenheit von kaum 11 Teilnehmern statt, die die Gruppen von Wilna, Warschau, Bialystok, Minsk und Witebsk vertraten. Viele Gruppen (Dwinsk, Grodno, Smorgon, Kowno, Brest-Litowsk), die später ihren Beitritt zur Partei erklärten, konnten infolge politischer Verfolgungen, nicht vertreten sein. Niemand ahnte damals, daß aus dieser Konferenz die bis zum heutigen Tage bedeutendste jüdische Arbeiterorganisation erwachsen werde. Es wurde einstimmig die Gründung einer einheitlichen Landesorganisation, des »Jüdischen Arbeiterbundes in Rußland und Polen" x) beschlossen und gleichzeitig das erste Zentralkomitee mit dem Sitz in Minsk gewählt. Über die Gründung wurde die Öffentlichkeit durch ein Manifest informiert, das in Nummer 4/5 der ,,Arbeiterstimme" veröffentlicht worden ist. So entstand der „Bund". Die ersten Jahre nach der Gründung waren die einer raschen Entwicklung, sowohl in organisatorischer als auch in programmatischer Beziehung. Zum Beweis einige Zahlen: Nach einem *) Seit der IV. Bundesdelegiertenkonferenz im Jahre 1901 lautet der Name der Partei: „Der jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Rußland."