Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 601 (sequence 11)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 6 01 lieh Bildung zu verschaffen, aufgegeben und, auf dem Boden der realen Tatsachen fußend, den Klassenkampf aufgenommen habe, und schließlich, was das Wichtigste sei: jüdischer. Man sei sich des Bedürfnisses, eine spezifisch jüdische Arbeiterbewegung zu schaffen, bewußt geworden. In dem Gewirr der Fragen, das in Rußland entstanden sei, gebe es eben auch eine jüdische Frage, und diese müsseebenso wie die anderen gelöst werden. Die Juden in Rußland müßten ihre bürgerliche Gleichberechtigung erkämpfen, und dies sei nur durch eine jüdische Arbeiterbewegung zu erreichen. Denn für die allgemeine russische Arbeiterbewegung sei die jüdische Frage nur eine von vielen, und zwar nicht gerade eine der bedeutendsten. Daher sei es auch gar nicht denkbar, daß das russische Proletariat der Lösung gerade dieser Frage besonders viel Aufmerksamkeit schenken werde. Darin also, in der Notwendigkeit des Kampfes für die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden neben dem Kampf für wirtschaftliche und politische Freiheit, liege die Grundberechtigung der jüdischen Arbeiterbewegung. In einem derartigen Streben könne man auch keineswegs etwas dem Sozialismus Widersprechendes sehen: keine Verwirklichung des Sozialismus sei denkbar, solange es unterdrückte Völker auf der Welt gebe. — Durch dieses Referat legte Martow den Grundstein zur künftigen Ideologie des „Bund". Zugleich mit der Bewegung wuchs auch das jüdische sozialistische Schrifttum. Bereits im Jahre 1894 begann man in Wilna eine geschriebene Zeitschrift: ,,Najes vun Rußland" herauszugeben. Es erschienen nur 5 Nummern. Der beiden in demselben Jahre erschienenen Schriften zur Frage der Agitation, der Schrift Martows, sowie der Tätigkeit des „Jargonischen Komitets" wurde schon gedacht. Daneben begannen fast alle Organisationen, allen voran aber die Gruppe in Wilna, sehr viele Broschüren gedruckt und hektographiert herauszugeben, in denen sowohl allgemeine sozialistische Fragen als auch wichtigere Ereignisse aus dem Leben der Arbeiterschaft der betreffenden Stadt (zumeist Streiks) erörtert wurden. Die Wilnaer Gruppe allein hatte bis zum Jahre 1895 7 Broschüren in über 9000 Exemplaren, im Jahre 1895 5 ßroschüren in 6400 Exemplaren und im Jahre 1897 wiederum 5 Broschüren in 11 400 Exemplaren herausgebracht. Auch andere Lokalorganisationen (Bialystok, Warschau, Minsk) gaben eigene Broschüren heraus. Alles wurde im Ausland gedruckt und als Kontrebande nach Rußland geschmuggelt. Im Jahre 1896 begann die Gruppe in Minsk eine eigene Zeitschrift: „Die Arbeiterblätter" (hektographiert, insgesamt erschienen 9 Nummern) herauszugeben. In demselben Jahre erschien in Genf das Organ der Wilnaer Gruppe: „Der jüdische Arbeiter", späteres Zentralorgan des „Bund" im Ausland. Die erste Nummer wurde in 1000 Exemplaren, zwei nächste Doppelnummern bereits in je 2000 Exemplaren gedruckt. Im Jahre 1897 wurde in Wilna die erste geheime Jüdische Druckerei begründet, wo man das Organ: „Die Arbeiterstimme" herauszugeben begann. So war denn bereits die jüdische Arbeiterbewegung um die Mitte der