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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 600

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
600 (sequence 10)
Language
German
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6oo Arjeh Tartakower: deutendsten jiddischen Schriftsteller der damaligen Zeit, die mit den jüdischen sozialistischen Strebungen sympathisierten, insbesondere mit Perez und Pinski, bekannt gemacht. Unter dem Einfluß der auf diese Weise geführten Agitation entstanden nun die ersten jüdischen Arbeiterorganisationen. Sie waren ein seltsames Gemisch von Gewerkvereinen und politischen Organisationen. Den Charakter von Gewerkvereinen hatten diese Organisationen insofern, als sie zunächst Arbeiter desselben Fachs umfaßten und rein gewerkschaftliche Ziele für ihren täglichen Kampf aufstellten. Doch waren sich die Organisationen ihres sozialistischen Charakters bewußt und fügten entweder von Anbeginn oder doch später auch politische Ziele ihrem Gegenwartsprogramm hinzu. Im Gegensatz zu den ersten jüdischen Gewerkschaften in England und Galizien (auf die wir in' der Folge noch zurückkommen werden) trugen somit die ersten jüdischen Gewerkschaften in Rußland einen ausgesprochen politischen Charakter. Dies gilt auch für die erste große, den Rahmen einer Stadt überschreitende jüdische Gewerkschaft, den ,,Bund der Bürstenarbeiter", der zwar formell erst anfang 1898 begründet wurde, tatsächlich aber bereits seit seiner ersten Landeskonferenz im Jahre 1895 eine einheitliche und zwar ausgesprochen sozialistische Taktik einschlug und dies auch durch seinen späteren Eintritt in den „Bund" dokumentierte. Diese Verknüpfung von politischer und Gewerkschaftsbewegung charakterisiert überhaupt die erste Epoche der jüdischen Gewerkschaftsbewegung in Rußland und dauert bis zum Jahre 1905, wo zum erstenmal der Kampf darüber entbrannte, ob parteiische oder unparteiische Gewerkschaften vorzuziehen seien. Der politische Charakter der damaligen Arbeiterbewegung zeigte sich in der Hauptsache, von der Hervorhebung des sozialistischen Standpunktes abgesehen, in den Proklamationen und den immer wieder wiederholten Versuchen, Maifeiern zu organisieren oder an solchen teilzunehmen. Die zweite jiddische sozialistische Proklamation (nach der ersten im vorigen Aufsatz erwähnten, die im Jahre 1886 in London herauskam) erschien in Warschau am 1. Mai 1894. I*1 Wilna wurden die ersten jiddischen sozialistischen Proklamationen am 1. Mai 1896 an die Straßenecken geklebt. Die erste Maiversammlung der jüdischen Arbeiterschaft fand, gleichfalls in Wilna, im Jahre 1892 statt. Seit dieser Zeit wurden sie dort alljährlich organisiert. Nach der Maifeier im Jahre 1895 hielt einer der Führer der Wilnaer Gruppe, Juli Ossipovitsch Zederbaum-Martow (der spätere Mitarbeiter von Lenin und heute einer der Führer der Menschewiken) ein Referat über den „Stand der jüdischen Arbeiterbewegung", das später als Broschüre mit der Übeischrift: „Der Wendepunkt in der jüdischen Arbeiterbewegung" erschien und von großem Einfluß auf die künftige Ideologie des „Bund" werden sollte. Der Verfasser stellte darin fest, daß sich die jüdische Arbeiterbewegung in dreifacher Hinsicht entwickelt habe: Sie sei demokratischer geworden, weil sie nunmehr größere Massen Arbeiter umfasse, materialistischer, weil sie das frühere Ideal, den Arbeitern ledig-

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