Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 599 (sequence 9)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 599 Führer der Wilnaer Gruppe, einem Studenten des Rigaer Politechnikums, Arkadi Krämer (späterem Mitglied des Zentralkomitee des „Bund") eine Broschüre über das Wesen und die Werkzeuge der Agitation veröffentlicht, die großen Einfluß auf das sozialistische Leben in ganz Rußland ausgeübt hat und ungemein charakteristisch ist für die Auffassungsweise der damaligen Führer des jüdischen Sozialismus. Als Ziel der sozialistischen Bewegung in Rußland wird klar und deutlich die Erreichung der politischen Herrschaft hingestellt, da nur auf diese Weise der Sozialismus verwirklicht werden könne. Um den Arbeiter für den politischen Kampf fähig zu machen, müsse man aber zunächst den ökonomischen Kampf aufnehmen, da der Arbeiter nur dann ein Interesse für diese Bewegung spüren werde, wenn sie auch für seine tagtäglichen Bedürfnisse kämpfe. Nur dann werde es ihm zum Bewußtsein kommen, daß seine Interessen den Interessen der herrschenden bourgeoisen Schicht ganz entgegengesetzt seien. In dieser Richtung heiße es also, das Interesse der Massen zu wecken. Erst nachdem sie in ökonomischer Hinsicht aufgeklärt und unter diesem Gesichtspunkt in den Kampf gerissen worden seien, könne die professionelle Organisierung hinzutreten, und dann erst sei die Zeit gekommen für den rein sozialistischen, also auch für den politischen Kampf. Diese ziemlich naive Anschauung, die später oft kritisiert worden ist, läßt sich eben nur aus der damaligen Lage der jüdischen Bevölkerung erklären, wo eine Organisierung der jüdischen Arbeiterschaft nur unter dem Gesichtspunkt des Kampfes um ihre täglichen Interessen möglich war, den man anfangs vom politischen Kampf scheiden zu können glaubte. In demselben Jahre (1894) erschien auch die von den gleichen Tendenzen geleitete Schrift eines anderen Führers der Wilnaer Gruppe, Samuel Goschanski (bekannt unter dem Pseudonim: Lanu) mit dem Titel: „Ein Brief an die Agitatoren". Hier wurde besonderer Nachdruck auf das Bedürfnis einer Agitation unter dem jüdischen Handwerkerproletariat gelegt, die es fähig machen solle, eine entsprechende Rolle im politischen Kampf in Rußland zu spielen. Natürlich konnte jetzt an eine Agitation in russischer Sprache nicht mehr gedacht werden. Die Masse verstand nur jiddisch und so mußte zu ihr jiddisch gesprochen, es mußten ihr jiddische Schriften in die Hand gegeben werden. Da mußten denn die meisten Führer, die aus Studentenkreisen kamen oder doch Intelligenzler waren, die jiddische Sprache erlernen. Man sah natürlich in ihr bloß ein Mittel; von einem inneren Verhältnis zu ihr war keine Rede. Im Jahre 1895 wurde in Wilnader „Jargonische Komitet" begründet, der Zweigstellen in Minsk, Bialystok und einigen kleineren Städten eröffnete und die Aufgabe hatte, die Verbreitung jiddischer Schriften unter der Arbeiterschaft zu fördern, bezw. solche selbst herauszugeben. In den drei Jahren seines Bestehens (1895 bis I898) hat der „Komitet" in dieser Hinsicht viel geleistet. Es wurden überall Arbeiterbibliotheken begründet, sehr viele populär-wissenschaftliche Schriften (die meisten natürlich sozialistischen Inhalts) herausgegeben, Vorlesungen und Diskussionsabende abgehalten, und die Arbeiterschaft mit den Schriften der be-