Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 598 (sequence 8)
- Language
- German
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598 Arjeh Tartakower: genz, die sich um die neunziger Jahre auch für die jüdische Arbeiterschaft zu interessieren anfing, über ihren wahren Charakter hinweg. Man war freudig erstaunt, auch unter den Juden, die man in der Hauptsache als Händlervolk kannte, eine Arbeiterschaft zu finden, nahm von vornherein an, daß es ein Industrieproletariat sei, wie es alle Völker haben, und daß es auch mit denselben Mitteln wie dieses seinen Lebenskampf auszufechten habe. Die schwache Organisierung der jüdischen Arbeiterschaft schrieb man ihrer mangelnden Bildung zu und versuchte daher zunächst in dieser Richtung dem Mangel abzuhelfen. Den Entwicklungsgang dieser Bildungszirkel der Arbeiterschaft haben wir im vorigen Kapitel gekennzeichnet. Bereits um das Jahr 1893 wurde klar, daß auf diesem Wege nicht viel auszurichten sei und daß man, ohne das Allheilmittel der Bildung (die in einem für die Bedürfnisse der Arbeiter viel zu hohen Maß geboten wurde) immer wieder anzuwenden, zu einer breiten Propagandatätigkeit übergehen müsse. Das ging allerdings anfangs sehr schwer. Eine Massenpropaganda war angesichts der äußerst zahlreichen kleinen Werkstätten fast ausgeschlossen, und die jüdische Arbeiterschaft .zeigte, aus den bereits besprochenen Gründen, nur geringes Verständnis für sozialistische Schlagworte, da sie sehr oft im guten Einvernehmen mit dem nicht viel reicheren „Unternehmer" lebte und sich der Tatsache des Ausgebeutetseins und der sozialen Kluft nicht bewußt wurde. So gingen denn viele Versuche fehl, und es mußte oft und immer wieder von neuem begonnen werden. Man versuchte es zunächst dadurch, daß man den Arbeitern das Unerträgliche ihres Daseins vor Augen führte. Es sollte für einen kürzeren Arbeitstag und höheren Lohn gekämpft werden. Man zog ein altes, noch aus denZeiten Katherinas II. stammendes Gesetz hervor, daß einen zehnstündigen Arbeitstag für Handwerker vorschrieb und längst in Vergessenheit geraten war. Man verlangte stürmisch von den Behörden die Durchsetzung dieser Vorschrift, was indes bei der Bestechlichkeit der russischen Behörden nur selten gelang. Man propagierte lebhaft die Idee des Streiks, die damals unter der jüdischen Arbeiterschaft nur sehr wenig bekannt war. Es gelang auch tatsächlich, in fast allen größeren Städten Streiks hervorzurufen. So streikten die jüdischen Arbeiter der Bürstenfabrikation in Wilna, Minsk, Warschau, Smorgon, Bialystok und in allen Städten des Rayons an der Grenze zwischen Polen und Litauen im Suwalker Gouvernement, wo nur jüdische Arbeiter beschäftigt waren. Als Folge dieser Streikbewegung mehrten sich und wuchsen die Arbeiterkassen, die jetzt immer mehr den Unterstützungscharakter verloren und zu Streikkassen wurden. Rund um diese Kassen bildeten sich nunmehr die Arbeiterorganisationen. So entstanden, eine nach der anderen, die Organisationen in Wilna, Minsk, Warschau, Witebsk, Dwinsk, Grodno und in einigen kleineren Städten, von denen die größten und stärksten die in Wilna und Minsk waren. Wilna wurde nunmehr die Zentrale der jüdischen Arbeiterbewegung. Dort wurde am energischsten unter der Arbeiterschaft agitiert, dort wurden auch der Agitation selbst neue Wege gewiesen. Im Jahre 1894 wurde dort von dem