Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 597 (sequence 7)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 597 zialen Strebungen kombiniert war und so eine ständige revolutionäre Stimmung erzeugte. Es wäre auch gar nicht denkbar gewesen, daß die jüdische Bevölkerung, die von einer derartigen Atmosphäre umgeben war, nicht von ihr angesteckt worden wäre. Zuerst griff naturgemäß die Stimmung auf die assimilierte Schicht der Großstädte über. Unter den Anhängern der beiden sozialistischen Bewegungen der 60 er Jahre, der „Narodnaja Wola" in Rußland (die allerdings nicht marxistisch war) und des „Proletariat" in Polen finden wir eine große Anzahl Juden. Die russischen Juden, die nach Polen einwanderten, brachten auch russische sozialistische Strebungen mit und propagierten sie zur großen Unzufriedenheit der polnischen Sozialisten, die sich, wie gegen alle Russifizierungsstrebungen, so auch gegen die sozialistisch gefärbten wehrten. So wurde z. B. im Jahre 1883, also zur Zeit, wo schon lange die polnische sozialistische Partei „Proletariat" bestand, ein Versuch gemacht, in Warschau eine Sektion der russischen „Narodnaja Wola" zu gründen, deren Mitglieder lauter jüdische Intelligenzler waren. Die Sektion, deren Gründung peinliches Aufsehen erregte, löste sich indes nach kurzer Zeit auf, nachdem mehrere Mitglieder von der Polizei verhaftet worden waren. Im Jahre 1886, nach der blutigen Unterdrückung des „Proletariat" durch die russischen Behörden wurde wiederum ein Versuch gemacht, eine Sektion der „Narodnaja Wola" in Warschau zu gründen, und wiederum rekrutierten sich fast alle Mitglieder aus der jüdischen Intelligenz. Diesmal hielt sich der Verein länger, löste sich aber schließlich doch, infolge polizeilicher Verfolgungen, um die Mitte des Jahres 1887 auf. Unter den Sozialisten, die nach der großen Maidemonstration in Warschau im Jahre 1889 verhaftet wurden, befand sich auch ein Jude, Samuel Weinberger, der im Jahre 1894 im Petersburger „Krest" starb. Noch im Jahre 1892 beschloß die Gründungsversammlung der P. P. S. (polnischen sozialistischen Partei) in Paris einen Aufruf an die jüdische sozialistische Intelligenz zu erlassen und sie auf das Schädliche der sozialistischen . Propaganda in russischer Sprache aufmerksam zu machen*). Anderseits versuchten wiederum die polnischen sozialistischen Parteien, Einfluß auf die jüdische Bevölkerung zu gewinnen. So gab die Partei „Proletariat" im Jahre 1890 eine Broschüre in jiddischer Sprache heraus, eine Übersetzung der polnischen Schrift von Jan Mlot „Wovon einer lebt". Es war dies eine der ersten sozialistischen Schriften in jiddischer Sprache. Es dauerte aber lange, bis diese sozialistischen Strebungen, die zunächst auf die Intelligenz beschränkt waren, auf die Masse des Volkes übergreifen konnten, wo ihnen die wirtschaftlichen Verhältnisse keinen genügenden Nährboden boten. Wie im vorigen Kapitel erwähnt, trugen die ersten Organisierungstendenzen unter den jüdischen Arbeitern reinen Unterstützungscharakter und waren nur dazu bestimmt, die große Not der Arbeiter durch gegenseitige Hilfe zu lindern. Diese Unterstützungskassen täuschten die jüdische Intellix) Zitiert nach Res „Die Geschichte des Sozialismus in Kongreßpolen". Warschau iqii, polnisch.