Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 596 (sequence 6)
- Language
- German
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596 Arjeh Tartakower: länge und für einen Spottlohn arbeitete. Das berüchtigteSchwitzsystem setzte sich trotz aller Verbote seitens der englischen Arbeiterschutzgesetzgebung durch und zeitigte tatsächlich Wunder im englischen Wirtschaftsleben. Es gelang den jüdischen Emigranten, der deutschen Konfektionsindustrie das Absatzgebiet in England gänzlich aus der Hand zu reißen und auch den englischen Schuster konkurrenzunfähig zu machen. Von der englischen Arbeiterschaft als Lohndrücker gehaßt, von jeder Krisis aufs schärfste heimgesucht, unter der Arbeitslosigkeit viel mehr als das englische Proletariat leidend, führte das jüdische Proletariat in London sein trauriges Dasein, vermochte sich aber trotz seiner bitteren wirtschaftlichen Not (48—52% der jüdischen Arbeiter waren Lumpenproletarier, also Leute, die nur selten und zufällig beschäftigt, meist aber auf Unterstützung angewiesen waren) eben wegen der Eigenart seiner wirtschaftlichen Lage weder zu einer dauernden organisierten Gewerkschaftsbewegung, noch zu einer sozialistischen Klassengesinnung aufzuschwingen. Damit sind die Produktionsverhältnisse des jüdischen Wirtschaftslebens um die Wende des Jahrhunderts gekennzeichnet. Keine Großproduktion, sondern Vorherrschaft des Handwerkerbetriebes, der Manufaktur und der Heimarbeit, technische Rückständigkeit und mit ihr verbunden große Not nicht nur des Arbeiterstandes allein, sondern (allerdings mit gewissen Ausnahmen) der produzierenden Schicht überhaupt, die gegen die Konkurrenz der modernen europäischen Produktionsweise anzukämpfen hatte. Damit auf einer derartigen Grundlage eine sozialistische Bewegung erwachsen konnte, bedurfte es eben außer der großen Not noch anderer treibenden Umstände. Solche waren in London, im Land der organisierten Gewerkschaftsbewegung, wo sich der Sozialismus auch unter den englischen Arbeitern nur schwer und äußerst langsam durchsetzte, nicht gegeben, weshalb es dort trotz vieler Versuche (man erinnere sich an diejenigen Liebermanns) lange Jahre hindurch, nachdem es schon anderswo eine starke sozialistische Bewegung unter den jüdischen Massen gab, zu keiner starken Organisierung der Arbeitenden unter dem Gesichtspunkt des Klassenkampfes kommen konnte. Nicht einmal die Gewerkschaftsbewegung wollte dort recht gedeihen, und die immer wieder unternommenen Versuche vermochten kein dauerndes, greifbares Resultat zu zeitigen. Anders war die JLage in Rußland. Im Gegensatz zu England hatten dort die sozialistischen Ideen unter der Arbeiterschaft und unter der Intelligenz bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts starken Anklang gefunden (und zwar viel mehr noch in Polen als im eigentlichen Rußland) und zu organisierten Bewegungen geführt. Der unerträgliche politische Druck tat auch das seinige dazu, die Masse des Volkes zu radikalisieren und sie für allerlei umstürzlerische Schlagworte, und zwar sowohl auf politischem, als auch auf wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet empfänglich zu machen. In Polen gesellte sich noch das in den Massen des Volkes lodefnde Streben nach staatlicher Selbständigkeit hinzu, jenes ständige verbitterte Gefühl der nationalen Unterdrückung, das sehr oft (wie übrigens auch anderswo) mit so-