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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 595

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
595 (sequence 5)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 595 Fabrik herangezogen werden konnte, ein viel schärferer und gefährlicherer Konkurrent. So bildete denn der jüdische Arbeiter sozusagen ein Proletariat unter dem Proletariat, die niedrigste Klasse der Lohnarbeiter, die lediglich für untergeordnete, sehr wenig Ansprüche an Kraft und Vorbildung stellende Beschäftigung Verwendung fand. Für solche Arbeiten waren aber auch Frauen und Kinder kräftig und geschickt genug, und tatsächlich war deren Prozentsatz unter den jüdischen Arbeitern überaus groß. So war z. B. der Prozentsatz der in den Zündholzfabriken beschäftigten Frauen 51,8 im Vergleich zur gesamten jüdischen Arbeiterschaft dieses Industriezweiges, der der Kinder 17,99. ^n den Zigarettenhülsenfabriken waren 43,76% Frauen, 4201% Kinder, in der Tabakfabrikation 57,9% Frauen beschäftigt. Im allgemeinen war der Prozentsatz von Frauen unter den jüdischen Arbeitern in den nordwestlichen Gebieten 61,2, in den südwestlichen 57,8 und im Süden 54,8. Die Tatsache, daß die Produktion angesichts der geringen Kapitalkraft der jüdischen Unternehmer sehr oft die Form von Heimarbeit annahm, trug naturgemäß das ihrige dazu bei, den Prozentsatz von Frauen und Kindern zu vergrößern; sie brachte es aber auch mit sich, daß sich zwischen Unternehmer und Arbeiter oft ein Zwischenglied einschob, ein Vermittler, der seinerseits Aufträge vom Unternehmer übernahm und sie an Arbeiter weitergab, sehr oft aber auch Arbeiter in seinem eigenen Hause beschäftigte —■ eine Erscheinung, wie sie auch bei anderen Völkern als „Heimarbeit" vorkommt und das ihrige dazu beiträgt, die Notlage der Arbeiter zu vergrößern. Der sozialen Stellung der jüdischen Arbeiterschaft entsprach ihr Arbeitsverdienst. Bei einer Arbeitszeit von 14—18 Stunden (diese war in den neunziger Jahren bei den Handwerkern die Regel) verdiente z. B. eine Arbeiterin in der Zündholzfabrik 2—3 Rubel wöchentlich, in der Hülsenfabrikation 1 Rubel wöchentlich. Ein Arbeiter in einer Lebkuchenfabrik verdiente 6 Rubel wöchentlich, desgleichen in einer Weberwerkstätte (bei einem Vermittler bloß 4 Rubel wöchentlich), ein Gerberarbeiter 4—6 Rubel, ein Zigarettenarbeiter 5—6 Rubel, ein Schneiderarbeiter 4—5 Rubel, ein Möbelindustriearbeiter 5 Rubel wöchentlich usw.1) So sah es in Rußland aus. Noch schlimmer waren die Verhältnisse in der zweiten europäisichen Stätte jüdischer Massenarbeit, in London. In dieser Stadt, die eine Zeitlang den Zielpunkt jüdischer Wanderung bildete^ (in den 6 Jahren 1886—92 sind 28 000 jüdische Emigranten dorthin ge-* kommen) hatte sich ein jüdisches Proletariat ausgebildet, das gleichfalls in der Hauptsache Handwerkerproletariat war (unter 75 000 Schneidern gab es *4 000 Juden, unter 40 000 Schustern 10 000 Juden, unter 2000 Kürschnern 1500 Juden usw.), sonst aber in kleinen Industrien (Zigaretten- und Zigarrenindustrie, Korsettfabrikation u. dgl.) Unterkunft fand, wo fast ausschließlich Manufaktur- und Heimarbeit herrschte und wo der Arbeiter übermäßig *) Zitiert nach dem Bericht des Zentralkomitee des „Bund" an den internationalen sozialistischen Kongreß in Paris, September 1900. 38*

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