Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 593 (sequence 3)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 593 Feldarbeiter............. 3,5 Millionen Fabrik-, Berg-, Eisenbahnarbeiter . . 1,5 ,/ Bauarbeiter . ........... 1 ,, Waldarbeiter und Taglöhner .... 2 „ Handwerkerarbeiter und Heimarbeiter . 2 „ Hier machen die Handwerker- und Heimarbeiter bloß ein Fünftel, die Fabrik-, Berg-, Eisenbahn- und Bauarbeiter zusammen ein Viertel der Gesamtzahl aus. Es muß dabei in Berücksichtigung gezogen werden, daß Rußland zu jener Zeit noch mehr als heute ein typisches Agrarland war und daß von dem Hauptkontingent der Lohnarbeiterschaft, den Feldarbeitern, ein sehr bedeutender Teil, wie es ja die Entwicklung überall beweist, Industriearbeiter in potentia sind. Ein Vergleich mit einem industriell fortgeschrittenen Land wäre in dieser Beziehung viel lehrreicher. Tatsächlich war ja auch unter den russischen Arbeitern zu jener Zeit die sozialistische Bewegung wenig bedeutend und ist erst im Lauf der Zeit mit der zunehmenden Industrialisierung immer mehr gewachsen. Und doch betrug bereits damals der Prozentsatz der Industriearbeiter unter der russischen Bevölkerung 2,5, unter den Juden bloß 1 und, rechnet man bloß die Bevölkerung der Städte (was ja für Rußland unbedingt das Richtigere ist), so war der Prozentsatz der Industriearbeiter unter den Russen 12,5, unter den Juden 1,4. So sehen wir denn: das Proletariat der anderen Völker war gegen das Ende des 19. Jahrhunderts entweder bereits aktuell oder doch potentiell ein Industrieproletariat, das jüdische Proletariat in Rußland überwiegend ein Handwerkerproletariat. So war es zu jener Zeit, in der das Handwerk bereits überall den Verzweiflungskampf mit der Fabrik führte, in dem es nur durch das ständige Herabgleiten des Lebensniveaus der Arbeitenden Stand halten konnte. Dieser Verzweiflungskampf drückte der jüdischen -Wirtschaft seinen Stempel auf. Doch wie sah das eigentliche jüdische Industrieproletariat zu jener Zeit aus? Jüdische Arbeiter wurden nur in jüdischen Fabriken beschäftigt. Nichtjüdische Fabrikanten beschäftigten prinzipiell keine jüdischen Arbeiter, ebenso wie sie das noch heute nur in den seltensten Fällen tun. Die Ursache dieser Erscheinung war in der Hauptsache die Unmöglichkeit, sich mit dem jüdischen Arbeiter, der nur jiddisch sprach, zu verständigen, und die Scheu, den ja ohnehin bestehenden Klassengegensatz zwischen Unternehmern ünd Arbeitern noch durch einen nationalen Gegensatz zu verschärfen. Oft gesellte sich übrigens auch der Antisemitismus dazu. Somit blieb dem jüdischen Arbeiter nur die jüdische Fabrik übrig. Diese war aber in der Regel kleiner als die nichtjüdische. Das Kapital der jüdischen Fabriken war im Verhältnis zum Gesamtkapital in dem betreffenden Produktionszweig in der Regel viel geringer. Ich führe wiederum Zahlen an (nach Leszczynski: „Der jüdische Arbeiter in Rußland", Wilna 1906, jiddisch): Im Jahre 1890 war in Rußland der Prozentsatz der Fabriken mit 1000 Arbeitern und mehr 6>7 der Gesamtzahl, der Prozentsatz der dort beschäftigten Arbeiter bereits 7i,7 der Gesamtzahl der Industriearbeiter. Im Jahre 1897, also 7 Jahre Heft 10/11. 38