Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Juden als konservatives Element
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 589 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden als konservatives Element 589 Selbstverständlichkeit von selbst den Weg des Desinteressements, Wir führen immer den Antisemitismus der Nachkriegszeit als wesentlichen Faktor jüdischer Neugruppierung an und vergessen eine andere hochbedeutsame Komponente dieser Einstellung vollkommen: die Entwertung der Lockungen der Außenwelt. Die „gute Gesellschaft", das lockende Ziel assimilatorischen Strebens, ist heute zerpflückt und ihrer Bedeutung beraubt; die Beamtenkarriere nicht bloß durch antisemitische Schwierigkeiten, sondern ebenso sehr durch ihre weit weniger bedeutsame gesellschaftliche Stellung und ihre geringfügige materielle Dotierung jeder Anziehungskraft bar, die prononziert patriotische" Betätigung nicht mehr Voraussetzung jeglichen Fortkommens, das System der Titel und Auszeichnungen beseitigt oder im Ansehen gering, die allgemeine Wehrpflicht mit der Freiwilligen- und Reserveoffiziersinstitution in mehreren, für die Juden wichtigen Ländern beseitigt. Dieses allgemein jüdische Desinteressement läßt den einzelnen Juden dem organisch mit unserer Bewegung verbundenen besonderen einsichtiger gegenüberstehen: heute hält die noch Fernstehenden nicht mehr die Hoffnung auf anderswo erjagbare Vorteile ab, sondern lediglich die Besorgnis vor Schäden, die im Anschluß an unsere Bewegung ihrer assimilatorischen Lebensauffassung drohen. Die für die Entwicklung im national-jüdischen Sinne denkbar beste soziale Gruppierung in der Galuth ist die der größtmöglichen Unabhängigkeit des Einzelnen von seiner Umgebung: glücklicherweise also im wesentlichen der faktisch gegebene Zustand. Mögen einzelne Beispiele tiefschürfender, innerlich veranlagter Personen durch ihre Existenz nur die Regel bestätigen: der Vertreter der Hochfinanz, der Hochschullehrer, der Beamte bedeutet für unsere Bewegung hier ebensowenig die ideale soziale Schichtung wie der Arbeiter; auf jene wirken gesellschaftliche und berufliche, auf diesen gewerkschaftliche Einflüsse, die eine bewußt-jüdische Einstellung des Einzelnen im allgemeinen verhindern oder höchstens zur heimlich bewahrten Herzenssache machen und zur Zurückgezogenheit und Reserve der Umwelt gegenüber verpflichten. Der unabhängige Kaufmann und Gewerbetreibende, auch der Privatbeamte (natürlich auch der selbständige Landwirt), unter Umständen die freien akademischen Berufe (an die aber schon häufig Rücksichten auf ihre Klientel und notwendige gesellschaftliche Verpflichtungen herantreten) scheinen am besten die Ellbogenfreiheit *m Tun und Lassen zu verbürgen, die heute noch, solange unser Verhältnis zur Umwelt noch so ungeklärt ist, Voraussetzung für eine einigermaßen konse quente Gefolgschaft gegenüber unserer Bewegung bildet. Die Umschichtung der Nachkriegszeit, die Tausende fähiger und akademisch gebildeter Juden in kommerzielle und verwandte Berufe führte, muß ebenfalls als wichtiger Aggregationsfaktor gewertet werden; an die besten Traditionen unseres Volkes anknüpfend, ist dieser Stamm wissenschaftlich geschulter und welterfahrener Männer, die Herren ihrer Lebensführung sind, ein nicht zu unterschätzender Faktor. — Hingegen ist die massenhafte Erzeugung von »Künstlern", die den Beruf eines Pianisten, Sängers oder Tänzers zu einem