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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 588

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Juden als konservatives Element
Date
1923-01-01
Page
588 (sequence 8)
Language
German
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588 Oskar Karbach: Standpunkt gerade in der Nachkriegszeit schwer akzeptabel. Dort, wo unsere Politik diese oppositionellen Reservatrechte nicht genießt oder sich nicht zubilligt, in Palästina, verläßt sie allerdings den in Europa verfochtenen Satz des laissez faire, laissez aller und schlägt ihr wohltätig dünkende Bindungen teils im sozialistischen Sinne (Wirtschaftsleben), teils im ordnungspolizeilichen (Araberfrage usf.) gerne und nachdrücklich vor: steht doch der Liberalismus mit seinem „freien Spiel der Kräfte" isoliert sowohl dem Sozialismus, wie den Systemen konservativer Bindungen gegenüber. Dieser (immerhin reine und schöne) Liberalismus des offiziellen Teils unserer Bewegung für Mitteleuropa wird hauptsächlich aus dem Grunde nicht mit Namen genannt, weil die. politisch noch sehr primitiv denkenden jüdischen Massen diesen theoretischen Begriff mit der realen politischen Partei unseligen Andenkens zusammenwerfen: tatsächlich ist aber heute die repräsentative Erscheinungsform unserer Bewegung „nationalliberal". Nun ist heute der Liberalismus schon an und für sich eine entschieden „reaktionäre" Form politischer und wirtschaftlicher Stellungnahme, wird es in unserem Falle aber noch mehr, weil er einfach das konservative Festhalten an den Anschauungen der Vorkriegszeit bedeutet, die sich vielleicht kein Volk so unverändert in die Gegenwart gerettet hat, wie das jüdische» Man vergißt immer, daß die gewaltige fortreißende Kraft unserer modernen reaktionären Bewegungen zum guten Teile darin zu suchen ist, daß sie wohl formell Altes, faktisch aber Neues herbeisehnen, also gleichsam reaktionäre und revolutionäre Elemente und die Anziehungsmöglichkeiten beider — Tradition und Revolution — in sich vereinigen. Insbesondere für die Jüngsten der Jungen, die vielfach beim Umsturz noch Kinder gewesen sind, erscheinen sie so vom Zauber des Neuen umflossen; keine Gruppe der europäischen Menschheit hat aber zweifellos so wenig seit 1914 umgelernt, wie das Gros der jüdischen; weder der Paroxysmus der Kriegsjahre, noch die Umsturzepoche hat sie von dem einmal Erfaßten abzubringen vermocht. . So stellt sich das jüdische Element der Galuth der unbefangenen Betrachtung einwandfrei als ein äußerst konservatives dar; anders in Palästina, wo der Akt der Einwanderung, der Entschluß dazu, im Leben des Einzelnen eine bedeutsame Zäsur bildet und ihn mit Selbstverständlichkeit im Lande der Verheißung neu beginnen läßt, so daß die hinuntergehen und die zurückbleiben sich diesem Eindruck nicht verschließen können und sich auch innerlich den nötigen entscheidenden Reformen keine Hemmungen entgegenstellen. Soll nun die Frage gestreift werden, was unsere Bewegung dazu tun kann, die unhaltbaren Zustände des Judentums in seinen Beziehungen nach außen hin zu klären, so dürfen nicht Maßregeln zur Oktroyierung vorgeschlagen werden, die nicht in der Linie der geschichtlichen Entwicklung liegen: es ist leicht, Reformprogramme hinauszuschmettern, deren Formular uns anderswo sympathisch berührt hat, die aber an der Macht der Tatsachen zerschellen. Die jüdisch-nationale Entwicklung geht heute schon — wenn es auch noch gefährlich sein mag, dies auszusprechen — unbeirrbar und mit

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