Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Juden als konservatives Element
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 590 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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590 Oskar Karbach: Die Juden als konservatives Element Gewerbe machen, das allen Widrigkeiten und Unwürdigkeiten des modernen Erwerbslebens und Konkurrenzkampfes unterworfen ist, durchaus keine begrüßenswerte Erscheinung: der Künstler von Gottes Gnaden wird immer der ganzen Welt gehören, nicht einem einzelnen Volke. Der Durchschnittsabsolvent einer Kunstschule aber findet in seinem aufreibenden Kampfe um die Gunst des durch Cliquen und Kritiker repräsentierten Publikums derartige Schwierigkeiten, daß von ihm die Festlegung auf ein Programm, insbesondere auf ein jüdisches — er diene denn völlig der jüdischen Kunst — tatsächlich nicht verlangt werden darf: er kann kein Pionier unserer Bewegung werden, solange deren Grundzüge sich nicht geändert haben. Wir können das jüdische Problem angreifen, wo wir wollen: wenn wir uns zu wahrer Unbefangenheit des Urteils durchgerungen haben, wird seine Geschlossenheit und Geradlinigkeit uns zum intellektuellen Vergnügen gereichen: unsere Politik hat keine andere Aufgabe, als den Kurs zu rekonstruieren und einzuhalten, der nur durch die krampfhaften Verzerrungen der Assimilationsperiode Krümmungen und Ablenkungen erfahren hat, und die Massen aufzurufen, diesem Kurs zu folgen. Wird der hier erörterte innere Widerspruch zwischen der Funktion im gesellschaftlichen Leben der Gegenwart und der persönlichen farblosen Einstellung, die gleichermaßen ohne den Mut zum Bekenntnis und ohne den zum Desinteressement ist, endlich beseitigt, dann wird das jüdische Volk wohl Feinde haben, aber auch Verbündete. Die erdrosselnde Isolierung zu beendigen, die Judenfrage aus einem demagogischen Schlagwort zur ernsthaft bedachten Angelegenheit des modernen Lebens zu machen, das ist eine große und schöne Aufgabe. Unser Verantwortlichkeitsgefühl als Juden und Menschen muß sich selbst am Antisemitismus mitschuldig fühlen: wer nicht jeden Nachteil seines Volkes als persönlichen Mißerfolg fühlt, ist kein Verantwortlicher und wird niemals einer werden. Die Zeit selbst wird uns dazu bringen, der jetzt noch andauernden Periode neutralster Palästinaarbeit die Forderung nach tiefeingreifenden Reformen unserer europäischen Verhältnisse und unserer Beziehungen zur Umwelt folgen zu lassen: der Einzelne kann sich nur bemühen, diesen Wendepunkt von unabsehbarer Bedeutung vorauszuahnen und zu beschleunigen: so oder so wird er herannahen. Das jüdische Problem ist reif zur großen Wende und zur Verscheuchung der phantastischen Fiktionen der Assimilationsperiode, deren unselige Ausstrahlungen heute noch nicht Europa und nicht einmal den Juden selber klar sind.