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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 587

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Juden als konservatives Element
Date
1923-01-01
Page
587 (sequence 7)
Language
German
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Die Juden als konservatives felement 587 liehen Auswirkungen der Judenfrage in die breitesten Schichten der Bevölkerung.) Zu der geistigen Zerrissenheit des modernen Juden, die den Assimilanten charakterisiert und die auch der Nationaljude oft noch nicht ganz überwinden konnte, tritt so ein zweiter Zwiespalt, dem unter Umständen lediglich der jüdische Proletarier zu entgehen so glücklich ist: Festlegung auf bestimmte Tendenzen, die mit der sozialen Rolle des Einzelnen im Widerspruch stehen. Kein aufrechter und auf Reinheit des öffentlichen Lebens haltender Mensch wird den Edelkommunisten, der in leitender Stellung bei einer Großbank tätig ist, selbst den im Privatleben sozialdemokratischen Großindustriellen für eine gesunde Erscheinung irgendeiner Gesellschaft halten, obwohl damit natürlich der persönliche Wert solcher Personen, ihre Überzeugungstreue und Opferfreudigkeit nicht geleugnet werden soll. Aber in der Verallgemeinerung sind solche Erscheinungen krankhaft, ebenso wie unser Kleinbürgertum, solange es sich notdürftigen Friedens erfreut, unleugbar in seinen vier Mauern einen behaglich-philiströsen Zug ausgesprochener Bourgeoisie-Färbung aufweist. Dieser Zwiespalt wird durch die gegenwärtigen ungeklärten Verhältnisse derart verzerrt, daß auch das politische Leben des Einzelnen in eine Komponente intra muros mit entschiedener Betonung oder faktischer Vertretung „bürgerlicher" Tendenzen und in eine divergierende Komponente extra muros zerfällt, die bei den offiziellen, also für das Urteil der Öffentlichkeit maßgebenden Anlässen (Wahlen usf.) maßgebend ist. Diese zweite, radikale Komponente beruht lediglich auf der Unmöglichkeit anderen Handelns und ist, von Sympathie oder Identifizierung mit linksradikalen Programmen weit entfernt, nichts anderes als eine primitive, oberflächliche und ernstlich zersetzend wirkende Flucht vor dem Gummiknüppel des reaktionären Desperados. Paul Amann stellt fest, daß die reaktionären Parteien antisemitisch sind, weil sie keine Juden in ihren Reihen zählen und dies eben in diesem Antisemitismus seinen Grund findet: wieder einer der Zirkel, an denen die moderne Judenfrage so reich ist, die Folge der assimilatorischen Theorien, die schon auf leeren Fiktionen aufgebaut sind. Unsere junge eigene Politik, soweit sie nicht betont marxistisch ist, tnuß ais entschieden liberal bezeichnet werden, ja dort, wo nationaljüdische Politik in Mitteleuropa aktiv getrieben wird, bietet sie vielleicht am reinsten und klarsten das Bild des echten, guten Liberalismus; das einzige jüdischnationale Tagblatt Mittel- und Westeuropas, die „Wiener Morgenzeitung" muß in ihrem politischen Teile als rein liberal bezeichnet werden, nicht nur etwa in Fragen der Religion, der Verfassung, der Freizügigkeit, sondern auch in ihrem Wirtschaftsprogramm und in ihren Sympathien für Staaten und Parteien; allerdings wird ihr dieser Standpunkt in der Galuth durch die Vorteile der Stellung einer im wesentlichen oppositionellen Minorität ohne Verantwortlichkeit und ohne Aussicht, ja ohne den Wunsch nach Teilnahme an der Macht leicht gemacht. Sonst nämlich ist der rein liberale

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