Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Juden als konservatives Element
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 586 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Oskar Karbach: dann erweitern, wenn die einzelnen Individuen zur Persönlichkeitsausweitung gewillt und befähigt wären. Unter den tatsächlich vorhandenen sozialen Verhältnissen hingegen wäre ein Zustand der Begünstigung der wohlhabenden und studierten Klassen der allergünstigste für die Geltendmachung eines durch jüdische Individuen repräsentierten Einflusses nach außen hin. Unbeschadet gefühlsmäßig anders orientierter Einstellungen innerhalb des Judentums hat die Öffentlichkeit deshalb von ihrem Standpunkt aus das Recht zu der naheliegenden Feststellung, daß eine sozial konservativ interessierte Gemeinschaft sich mehr oder weniger radikal fühlt — und das Recht daraus ihre Folgerungen zu ziehen. So hat das Judentum als solches keinen Freund, der grundsätzlich für es Stellung nimmt, obschon die Judenfrage mit Notwendigkeit für jede denkbare Lösung — sei sie bewußt-jüdisch, assimilatorisch, selbst antisemitisch — zwei Gegenspieler erfordern würde. Zweitens liefert uns diese Betrachtung eine der wichtigsten Ursachen des modernen Antisemitismus, die dadurch besonders interessant ist, daß sie Juden und Antisemiten unbekannt zu sein und nur im Unterbewußtsein zu wirken scheint. Jede reaktionäre Bewegung, die an und für sich ohne Verbindung mit antisemitischen Tendenzen denkbar und in manchen Ländern auch tatsächlich von ihm frei ist (Italien), muß bei uns nicht bloß aus Rassenhaß, auch nicht lediglich aus dem Bestreben heraus, ein zugkräftiges Schlagwort zu benützen, sondern schon deshalb antisemitisch sein, weil eine gemäßigt-rückläufige Bewegung (z. B. etwa mit den Tendenzen der herrschenden Klassen um die Jahrhundertwende) dem Judentum, ohne daß dieses einen Finger zu rühren brauchte, gerade in seinen heute politisch am wenigsten aktiven Schichten eine bedeutende Vermehrung seines Einflusses nach außen hin bringen würde. Eine Favorisierung von Finanz, Handel, Industrie, Hausbesitz, geistiger Arbeit usf. in politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Beziehung, mit einem Worte: eine nichtantisemitische Restauration des Bürgertums würde einen jüdischen Faktor von — selbst absolut genommen — nicht zu unterschätzender Bedeutung ins öffentliche Leben einführen, der wieder, und das ist der springende Punkt, vermöge Mentalität und Erziehung des einzelnen Juden und der Einstellung der uns heute zur Verfügung stehenden politischen Richtungen in einem ganz unerhörten Zirkel Kräfte freimachen würde, die das eben Geschaffene nach links abzudrücken am Werke sein müßten. Dieses, aus dem Zwiespalt von sozialer Rolle und geistiger Festlegung der Juden entspringende perpetuum mobile zu umgehen, muß jede, auch jede gemäßigte Reaktion (obschon ihre Vertreter sich wohl darüber selbst nicht klar sind) aus Selbsterhaltungstrieb antisemitisch sein, wie das instinktive Erfassen dieser Möglichkeit andererseits wohl auch dazu beiträgt, daß die Reaktion heute so ausnehmend scharfe Formen ihres allgemein-politischen Programmes annimmt und vertritt, wie die Ersetzung des Parlamentarismus durch Diktatur oder Ständekammern. (Ein Beispiel für die schäd-