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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 585

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Juden als konservatives Element
Date
1923-01-01
Page
585 (sequence 5)
Language
German
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Die Juden als konservatives Element 585 schiedenster Parteinahme nötigt, muß den Juden dieser Zwiespalt aufs äußerste verübelt werden (zumal sie den unverzeihlichen Fehler begehen, jeden Kontakt mit den nichtjüdischen Massen zu verschmähen); dadurch schmilzt aber auch das Häuflein der Nicht-Antisemiten -— grundsätzliche Zionistenfreunde gibt es bekanntlich nicht — ständig und anscheinend unaufhaltsam zusammen. Repräsentativ für das Judentum — allen gegenteiligen Wünschen zum Trotz — sind und bleiben vorläufig die wohlhabenden und gebildeten Schichten. Zwar ist das jüdische Elend so groß, daß wir von unserem begrenzt-jüdischen Standpunkt aus das beste Recht haben, unsere Volksgemeinschaft nicht als eine Gruppe von Nabobs und Professoren aufzufassen. Ganz anderes gilt aber für unsere politische Funktion und Wertung bei der Umwelt: der jüdische Proletarier, der Privatbeamte, der Handwerker verschwindet in den Millionen der ihn umgebenden Bevölkerung, zu deren Zahl die Massen der politisch wohl anders orientierten, in wichtigen Punkten der Lebensauf fassung aber durch die gemeinsame Abstammung und Vergangenheit deutlich mit ihnen verbundenen Bauern und Landarbeiter hinzukommen. Von der Möglichkeit eines jüdischen Einflusses durch die Zahl allein, also auf gegründete Art, kann tatsächlich nur in denjenigen Berufszweigen und Gesellschaftsklassen gesprochen werden, die als judenreiche bezeichnet zu werden pflegen. In diesen Positionen der Gesellschaft ist auch ohne weitere Voraussetzungen (z. B. politische Talente jüdischer Arbeiterführer, die in jedem einzelnen Fall besonders erworben und geltend gemacht werden müssen), schon durch die bloße Existenz relativ zahlreicher jüdischer Individuen eine jüdische Macht vorhanden, die heute zwar fast völlig ungenützt ist, die doch aber politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich zur Geltung kommen könnte. Diese Behauptung ist durch ein einfaches Beispiel zu beweisen. Vor Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes, also bis 1907, bestand in Österreich in Staat, Land und Gemeinde ein (verschiedentlich modifiziertes) Kapazitätenwahlrecht'ein „besseres" Wahlrecht der Höchstbesteuerten, der akademisch Graduierten, der Handelskammern als solchen usw., die in speziellen Kurien eine bedeutend höhere Zahl der Abgeordneten in die Vertretungskörper zu entsenden hatten, als relativ auf die Massen der Bevölkerung entfielen. Wer leugnet, daß im Verhältnis zur nicht jüdischen Umgebung ein derartiges Wahlrecht den jüdischen Einfluß bedeutend stärker zur Geltung bringen würde als das ,,gleiche"? (Es sei ausdrücklich betont, daß die Frage, ob diese jüdischen Schichten jetzt oder häufig würdig und autorisiert erscheinen, für das Gesamtjudentum zu sprechen, hier gar nicht berührt werden soll, sondern lediglich das für das Urteil der Umwelt richtige: die Größe des an jüdischen Individuen haftenden Einflusses.) Unter einer von innerlichen und äußerlichen Hemmungen gleichermaßen befreiten, uneingeschränkten Herrschaft der Ausweitungsideale der Assimilation1) könnte wohl ein Zustand allgemeiner politischer Gleichberechtigung die jüdische Expansionssphäre *) Vgl. meinen Aufsatz „Das Prinzip der Assimilation". („Der Jude", Juniheft 1922).

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