Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Juden als konservatives Element
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 584 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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5»4 Oskar Karbach: eines seiner Besten, Hugo Zuckermanns, wird ihr sinnfälliger Ausdruck bleiben. — Noch 1916 soll die österreichische Regierung den Gedanken erwogen haben, sich des jüdischen Elements als eines unbedingt verläßlichen Werkzeugs bei Lösung des galizischen und polnischen Problems zu bedienen. — Die unter schwersten Opfern bewiesene loyale Stellungnahme der breitesten ostjüdischen Schichten im Weltkrieg kennt jeder Soldat der Mittelmächte. Ihre Wurzel war keineswegs bloß Haß gegen das zaristische Rußland.) Es liegt in der Natur der Sache, daß auch diese Beweisführung als nicht stichhaltig von denen abgelehnt werden dürfte, denen ein organisch „freiheitliches" Judentum gerade in ihr Konzept paßt. Es gibt aber noch einen zweiten Weg, der nicht nach den im Verborgenen liegenden Quellen der geistigen Einstellung fragt, sondern nach der tatsächlichen Funktion des Judentums innerhalb der europäischen Gesellschaft. Gilt im politischen Leben der Satz des geistreichen Franzosen, daß er auf die Beschuldigung hin, die Türme der Notre-Dame-Kirche gestohlen zu haben, aus Paris flüchten würde, d. h. also daß nicht die Tatsachen, sondern fast stärker noch deren Zerrbild in den Köpfen der Menge das Urteil der Öffentlichkeit bestimmen (eine Erfahrung, deren Ignorierung der schwerwiegendste Fehler unserer zionistischen Politik ist!), um wie viel mehr muß man sich hüten, unter Vernachlässigung der Wirklichkeit den eigenen Wunsch und Willen zur Grundlage seines Weltbildes zu machen. Die Juden fühlen sich als fortschrittliches Element, sie sind es aber in Wahrheit gar nicht. Dieser Zwiespalt vor allem hat sie in die schiefe Situation gebracht, in der sie heute, von allen Seiten umkläfft, wie der Mann im Syrerland am dünnen Zweiglein eines sie kaum noch vor ärgsten Insulten schützenden Polizeischutzes hangen. Das Judentum — das ist nicht zu leugnen — ist unter die Räder des politischen Karrens gekommen; der gegenwärtige bizarre Zustand, daß (um einen besonders markanten Fall herauszugreifen) der jüdische Industrielle — der beileibe kein wirtschaftlicher Vampir sein muß —> einerseits mit seinen Beiträgen zu seinem industriellen Verbände die Hakenkreuzler unterstützt1) und andererseits am Wahltag die Partei wählen muß, die sich seinen wirtschaftlichen Ruin zum Ziel setzt, ist — man mag welcher politischen Couleur immer angehören — ein für aufrechte Menschen unwürdiger, aber auch ein für das gesamte politische Leben eines Staates überaus unerfreulicher und ungesunder Zustand* Die Umgebung sieht die Juden entweder direkt in radikalen Lagern oder doch bei den wesentlichsten Fragen in Interessengemeinschaft mit diesen; sie fühlt instinktiv, daß die jüdische Gruppe wirtschaftlich, wie ihrer Lebensweise nach andere Stellungen einnehmen sollte. In unserer Zeit, wo der Klassenkampf unter Hintansetzung aller anderen Streitfragen zu entx) Zeitungsmeldungen zufolge, hat eine Gruppe Wiener jüdischer Industrieller unter Führung des jüdischnationalen Gemeinderates Dr. v. Pollak-Parnau und des Kommerzialrates Klein eine Aktion gegen die Verwendung jüdischer Beiträge zu industriellen Verbänden für Zwecke von „Heimwehren" und dergl. eingeleitet.