Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Juden als konservatives Element
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 583 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden als konservatives Element 5*3 Hundertprozentigkeit theoretisch konstruierte, um sie in der Praxis zu fürchten, zu überschätzen oder — um Geld anzugehen. Nach unserer guten alten individualistischen Betrachtungsweise sollten nun die Namen Disraeli und Konsorten erklingen und in eine peinliche Abwägung mit Lassalle und Trotzky gezogen werden. Lassen wir diese Prominentenschau, die zu nichts führt, und begnügen wir uns mit der Feststellung, daß dieses „Renegatentum" numerisch stark ist und neben Typen unleugbaren. Snobismus und Servilismus eine Summe bedeutender geistiger und gesellschaftlicher Fähigkeiten aufweist; die Zahl allein — mag ihre Erfassung auch immer an der Unfähigkeit unserer Statistik scheitern — macht sie zu einer berücksichtigungswerten Erscheinung innerhalb des Judentums als sozialer Gruppe. Die politische Stellungnahme der sich hier innerhalb des Judentums Befindlichen und der hier mit ihnen weiterhin eine Einheit bildenden Täuflingsmajorität (ein weiteres Argument für das Mißlingender Assimilation) beweist gar nichts: die politische Einstellung der Juden war und ist die Suche nach der Position minoris resistentiae, ein Vorgehen, das in der Notwendigkeit des Alltags seine Erklärung findet und dem sich auch der jüdische Nationalismüs (natürlich unter Aufrechterhaltung seines spezifischen Programmes) im großen und ganzen angeschlossen hat. „Freisinn" zu mimen, war jener jüdischen Generation leicht, die unter der Vorherrschaft oder den Nachwirkungen des Liberalismus von ernsthaftem Antisemitismus befreit und nach feierlicher Absage an ein lebendiges Judentum, die Erhaltung jüdischen Formalismus im stillen Kämmerlein mit öffentlicher Billigung des Ansturmes gegen religiöse und gesellschaftliche Traditionen verbinden konnte, gegen Traditionen also, die für sie — niemals Traditionen gewesen waren. Die Massen des jüdischen Kleinbürgertums, erwachsen im Milieu des jüdischen Heims, das selbst unter dürftigsten Verhältnissen durch Ritual, Familienleben, Bildungstrieb, Blick nach oben auch dann nicht typisch proletarischen Charakter besaß, wenn seine Bewohner von ihrer Hände Arbeit ihr Leben fristeten, sind als Faktor des Kulturlebens eines Staates — von dem noch haltlosen Suchen erster Jugend abgesehen — nur dann ein fortschrittlicher Faktor gewesen, wenn ein politischer Wahlgang ihnen den Stimmzettel in die Hand drückte, und sie ihn in der Regel denjenigen gaben, die allein den Juden nur faktisch, nicht grundsätzlich bekämpften. (In der Regel: denn die Orthodoxie der Slowakei, wie die des jetzt österreichischen Burgenlandes soll z. B. in letzter Zeit katholisch-klerikalen Parteien ihre Stimme gegeben haben. — Ferner: Paul Amann weist darauf hin, daß „die glänzende Geschichtsforschung des liquidierten Österreich größtenteils von Juden getragen wird." Er hätte hinzufügen können, daß die jüdische Bevölkerung und zwar sowohl in Osten, wie im Westen der Donaumonarchie überzeugte und ganz unzweifelhaft loyale Großösterreicher und zwar — außer den Kasten des Offizierskorps und Beamtentums (der Adel war bekanntlich schon größtenteils scharf föderalistisch-nationalistisch orientiert) — die einzigen waren; diese Einstellung hat der damals ganz junge jüdische Nationalismus nicht nur übernommen, sondern bewußt betont. Das Werk