Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Juden als konservatives Element
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 582 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Oskar Karb a c h: Es herrscht in den großen europäischen Fragen selten derartige Einmütigkeit wie in der Beurteilung der Funktion unserer jüdischen Gemeinschaft im Leben dieses Erdteiles. Wir alle — und niemals sonst kann man in jüdischen Fragen dieses Wort in solchem Umfange gebrauchen —> Zionisten und Assimilanten, Antisemiten und Liberale, stimmen darin überein, daß das Judentum, zumindest in Mitteleuropa, seit seinem Eintritt ins politische und gesellschaftliche Leben mit Notwendigkeit und kraft organischer historischer Entwicklung ein „fortschrittliches Element" sei —■ unbeschadet der sehr verschiedenen Schlüsse und Folgerungen, die diese Feststellung bei den einzelnen hervorruft. Es ist nicht nötig, sich hier mit den Gründen für die kritiklose Übernahme dieses Dogmas durch das bewußte Judentum zu beschäftigen, eine Trägheit, die den großen Gedanken eines völlig neuen, auch an sorglich gehüteten Grundlagen zweifelnden, autarken, national-jüdischen Weltbildes bisher mit Erfolg unterdrücken konnten. Doch den unbefangen forschenden, national gesinnten Juden befallen Zweifel: an dieser Stelle1) hat Paul Amann die Frage aufgeworfen, „ob es aus unseren Beweggründen politisch konservative Juden geben könne, ob und warum nicht der Jude über die ganze Breite des politischen Kampffeldes hin zu finden sei/' Das Problem von dieser Seite aus entwirren wollen, heißt sich in einen Irrgarten endloser Debatten stürzen: die menschliche Natur hat das Bestreben, die Beschämung, sich in unabänderlich scheinende Zwangslagen hineinversetzt zu sehen, durch die Beweisführung, als habe man den Weg freiwillig eingeschlagen, zu mildern oder zu bannen. Wir wissen, daß Personen, an die der Verdacht blutrünstigen Militarismus nicht heranreicht, unter der Psychose des Jahres 1914 mit dem gesamten Rüstzeug ihres oft bedeutenden Wissens Krieg, Kriegsursachen und Kriegsfolgen gebilligt, begrüßt, ja bejubelt haben; und eine Analogie hierzu bietet der „Zwangskurs", der in den wichtigsten, von Juden bewohnten Ländern ihnen vom Beginn ihrer politischen Tätigkeit oder Stellungnahme an mit Schärfe vorgezeichnet worden ist. Die Juden haben, um mit Amann zu sprechen, die Möglichkeit, sich über die ganze Breite des politischen Kampffeldes zu zerstreuen, niemals besessen, und es hätte den Vorkämpfern der Assimilation schon in den Zeiten ihrer höchsten Blüte ein Memento bedeuten sollen, daß ihnen diese notwendige Folgeerscheinung jeglichen geglückten Assimilationsprozesses dort ebensowenig zufiel wie im Bezirk des Wirtschaftslebens. Eine „zwangsläufige Entwicklung" ist in ihrer scheinbaren Eindeutigkeit wohl ein bequemes Argument, aber kein stichhaltiges — es genügt auf die Demokratien des Westens hinzuweisen, um zu zeigen, daß die „politische Breite" wächst, je weniger unübersteigbar die Schranken gegen rechts für die Juden sind. Da sind ferner die „Irregeleiteten" und „Renegaten", die jene überschäumende Kritiklosigkeit unseres jungen Nationalgefühles im Vollgefühl der neu geschätzten eigenen l) Vgl, seinen bedeutungsvollen Artikel „Die Lebensprobe". („Der Jude", H. 2).