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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 580

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Kongressnotizen
Date
1923-01-01
Page
580 (sequence 11)
Language
German
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58o Moses Beilinson: Kongressnotizen Das Volk findet in sich nicht die genügende Kraft, um sich in dieser, heute einzig möglichen Tat zu konzentrieren; die Tat soll ihm vorangehen, der Aufbau von Palästina muß weitergefühlt werden, und wenn das Land zu blühen anfängt, wird diese Tat auch das beste Erziehungs- und Organisierungsmittel der jüdischen Volksmassen weiden. Der amerikanische Arbeiterführer, der als Vorbedingung für den Anschluß der breiten jüdischen Kreise an das Aufbauwerk das „Vorangehen" betrachtet, kennt die Volkspsychologie und die erzieherische Wirkung der Tat viel besser als diejenigen, die meinen, daß das Volk sich um den Palästinaaufbau nicht mehr kümmern wird, sobald es erfährt, daß „reiche Juden" dazu gewonnen wurden. Weizmann ist zum Kongresse mit einem Plan gekommen, den er allerdings nicht genügend konkret und detailliert öffentlich auseinanderzusetzen verstand, ohne welchen taktischen Fehler viele Mißverständnisse vielleicht vermieden worden wären, der doch aber die Möglichkeiten dieser Tat, in viel größerem Umfange, als es bis jetzt der Fall war, aufzeigt oder jedenfalls in Aussicht stellt. Die Opposition war hingegen nicht imstande, diesem Plan etwas ihm, an Möglichkeiten Gleichwertiges gegenüberzustellen und beschränkte sich auf die Proklamation von Prinzipien, die überdies nach Weizmanns ausdrücklichen Erklärungen in seiner Programmrede jede Rechtfertigung verloren hatte. So stand auch hier, wie in der politischen Frage, nicht Tat gegen Tat, sondern Tat gegen Phraseologie. Unter Phraseologie verstehe ich diesmal keine leere und gefühllose Rhetorik; solcher Vorwurf wäre wirklich nicht am Platze, wo es sich um Leute wie Ussischkin und Grünbaum handelt, die beide, jeder auf seinem Gebiete, sich gerade durch starke Aktivität auszeichnen. Die Taten aber, zu denen Grünbaum und Ussischkin auch jetzt noch aufriefen, waren zwar wirkliche Taten vor 20 und noch vor 5 Jahren: heute aber sind sie Worte geworden. Auf dem XIII. Kongresse fand somit die Auseinandersetzung statt zwischen dem, was gestern unsere Tat war, und dem, was heute und morgen unsere Tat sein muß. Wegen dieser Auseinandersetzung, die, persönlich betrachtet, Männer zum Sturz brachte, die in der zionistischen Bewegung Liebe und Ehrfurcht verdienen und genießen, war der XIII. Kongreß kein schöner Kongreß; wegen dieser Auseinandersetzung aber war er ein notwendiger Kongreß. Trotz der Unentschlossenheit der Linken und des Misrachi wurden die Richtlinien der zukünftigen Arbeit im Sinne der neuen Tat gezeichnet. Und wenn es gelingen soll, mit diesen Richtlinien die jüdische Aufbauarbeit in Palästina zu beschleunigen, die jüdische Einwanderung zu vergrößern, der „Raubwirtschaft" mit unserem besten Menschenmaterial ein Ende zu setzen, dann wird vielleicht die Opposition des nächsten Kongresses mit größerem politischem Sinne eine „diplomatische Offensive" verlangen können. Wird aber der Versuch gelingen? Nichts rechtfertigt einen aprioristischen Skeptizismus, nichts rechtfertigt jedenfalls, nachdem der Führer der Bewegung dem Kongreß über die Unantastbarkeit des nationalen Charakters der Kolonisation eine feierliche Verpflichtung ausgesprochen hat, einen aprioristischen und dogmatischen Widerstand.

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