Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Kongressnotizen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 579 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Kongressnotizen 579 Arbeiter, sondern auch anderer breiter jüdischer Volksmassen etwas summarisch, aber doch richtig wiedergibt, deckt den ganzen Mechanismus der Volkserziehung auf. Nur bis zu einem gewissen Punkte kann diese Erziehung auf dem Wege der Propaganda und der abstrakten Organisierung gefördert werden; unvermeidlich kommt die Zeit, da die Bewegimg, auf Worten aufgebaut, zu verflachen droht und die Propaganda auf wachsende Indifferenz stößt. Es gibt kein Mittel, das erzieherischer wirkt als die Tat, und kein Volk ist noch nur durch Agitation, ohne das erzieheiische Beispiel, die erzieherische Tat vor Augen zu haben, zu seiner Freiheit durchgedrungen. Man soll mich nicht mißverstehen: auch das Wort ist oft eine Tat, und jede Bewegung, soweit sie nicht in Sektenwesen ausarten will, muß mit dem Worte anfangen und immer wieder zu ihm zurückkehren. Das gilt aber nur für die Anfangsstadien der Massenbewegungen; dann kommt die Zeit, in der die Worte nur Worte bleiben und die weitere Volkserziehung nur durch konkrete Tat möglich wird. Wenn man Beispiele aus der außerjüdischen Welt haben will, so erforsche man die Gründe der Schwäche der sozialistischen Bewegung während und nach dem Kriege* und ihrer Niederlagen, sei es gegenüber dem Kommunismus, sei es gegenüber der Reaktion. Aber auch die Geschichte der zionistischen Bewegung selbst ist in dieser Hinsicht lehrreich genug. Daß Herzl den Kongreß einberief und die jüdische Frage von einer Welttribüne entrollte, war eine Tat, obwohl sie aus Worten bestand; aber gegen Ende der Herzischen Periode sind die Kongresse und die damalige politisch - diplomatische, auf abstrakter Grundlage aufgebaute Arbeit Worte geworden; eine drohende Verflachung der Bewegung war die Folge, und der „praktische" Zionismus rettete sie mit seiner bescheidenen Tat. Als 1917—1920 politische Erfolge erzielt wurden, waren es Taten, die heute zu Worten auszuarten drohen. Um die Bewegung zu rett n, gibt es keinen anderen Ausweg als den der neuen konkreten Tat. Andere Völker haben es leichter: eine Fülle von Taten steht ihnen zur Verfügung. Wir sind arm an Taten — darin liegt die Schwere unserer Wiedergeburt. Wir können weder zum offenen noch zum unterirdischen Kampfe greifen; wir haben weder Aufstand noch Boykott noch Wahlen noch Volksdemonstiationen zur Verfügung. Heute haben wir nichts außer langsamer, stiller, manchmal prosaisch aussehender wirtschaftlicher Arbeit in Palästina. Hätten wir andere Taten in unserer Macht, dann könnte man streiten, welche vorzuziehen sei; wir haben aber nur den Aufbau, und deshalb muß der Zionismus, um wenigstens diese Tat voll auszunützen, dazu bereit sein, sie in das Zentrum seiner Tätigkeit zu stellen und, wenn es nötig ist, ihr auch Opfer zu bringen. Die Zionistische Organisation muß sich bewußt werden, daß sie in ein Stadium getreten ist, wo hundert kräftige gesunde Chaluzim, die im Lande gesicherte Arbeit finden, für die nationale Erziehung des jüdischen Volkes mehr Wert haben als eine flammende Rede, und eine neue Siedlung mehr Wert hat als eine gelungene Wahlkampagne in Polen oder Litauen. 37*