Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Kongressnotizen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 578 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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578 Moses Beil inson: gezwungen, von einer drohenden Katastrophe zu sprechen. Welche noch bessere (oder noch schlechtere) Zeiten als die soeben durchgemachten meinte Abgeordneter Grünbaum, als er dem Kongresse empfahl, noch weiter zu warten und inzwischen alte Wege zu gehen? Alles ist im Zionismus miteinander verflochten und alles geht letzten Endes auf eins zurück: auf den jüdischen Willen. Die politische Lage ist schlecht, weil die politischen Erfolge nicht das organische Resultat, das „Verzeichnen" der Realitäten waren; jetzt, nachdem die Erfolge doch erzielt wurden, handelt es sich darum, nachträglich und in aller möglichen Eile diese Realitäten zu schaffen. Weil es nicht sofort gelingt, wächst die Gegnerschaft im Lande und ihre Bedeutung außerhalb des Landes — so entsteht und verschärft sich die äußere politische Krise. Und die Arbeit gelingt nicht, weil das Volk die nötige Gefolgschaft nicht leistet — so entsteht die innere zionistische Krise. Würde diese innere Krise überwunden sein, würde man das Volk gewonnen haben, dann würde auch der Aufbau anders vor sich gehen und auch die äußeren Schwierigkeiten wären, ganz oder zum großen Teil, beseitigt. Dieser fatale Kreis muß irgendwie und irgendwo durchbrochen werden. In einem seiner Kongreßartikel schrieb Grünbaum, daß er Weizmann unterstützt habe, solange dieser für ihn die „tragische Figur eines Führers war, der einen großen Sieg errungen hat und nun riskiert den Krieg zu verlieren, weil das Volk ihm nicht folgen und die nötigen Opfer nicht bringen will". Der Zionismus, der eine lebendige Massenbewegung sein will, kann sich heute mit dieser Kontemplation eines Bildes, das gewiß einer tragischen Schönheit nicht entbehrt, nicht begnügen. Der Krieg darf nicht verloren werden, das Volk muß mit. Angesichts der Erfahrung der letzten Jahre ist aber die Frage gerechtfertigt, ob die Arbeitsmethoden, die die zionistische Organisation bis jetzt anwandte, um die Volksmassen zu gewinnen, wirklich die dazu geeignetsten sind; die Frage, ob die innere Krise nicht dadurch entstanden ist, daß der Zionismus sich in Propaganda und „demokratischer Organisierung" der Judenheit zu erschöpfen glaubte, daß er es versäumte, in dem notwendigen Maße das zu tun, was viel mehr als alle Propaganda zur Volksorganisierung beiträgt — mit aller nur möglichen Energie zur Tat zu schreiten. Nachdem schon die Jewish Agency-Resolution vom Kongresse angenommen wurde, fragte ich, mich an die Äußerung Weizmanns erinnernd, daß ihm die organisierten jüdischen Arbeiter Amerikas ebenso wertvoll für den Aufbau erscheinen wie die reichen Organisationen, einen der angesehensten Führer der amerikanischen zionistisch-sozialistischen Arbeiterschaft, ob seiner Meinung nach jetzt die Aussichten dafür vorbanden sind, daß die nicht-zionistische Arbeiterschaft am Palästinaaufbau teilnehmen werde. Ich habe ein entschiedenes Nein zur Antwort bekommen und zwar mit folgender Motivierung: „Zuerst muß in Palästina eine große Arbeit gemacht werden; dann, nur dann werden sie nachkommen." Dieses kleine Gespräch, das, wie ich glaube, die Stimmung nicht nur der amerikanischen