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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 577

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Kongressnotizen
Date
1923-01-01
Page
577 (sequence 8)
Language
German
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Kongressnotizen 577 40 jährigen intensiven Propaganda zu lösen nicht imstande war. Die Frage lautet: wie kommt man zu den jüdischen Volksmassen? Wir alle glauben, daß der Zionsgedanke der mächtigste, der vitalste Gedanke der jüdischen Geschichte ist, daß die Sehnsucht nach Zion in den jüdischen Volksmassen tief verwurzelt und unausrottbar ist. Die Wirklichkeit zwingt uns aber dazu, anzuerkennen, daß diese Sehnsucht bis jetzt aus ihrem latenten Stadium nicht herausgekommen ist, daß das jüdische Volk noch weit davon entfernt ist, alle Kräfte aufraffend, von einem Gefühl ergriffen, gen Zion zu schreiten. Wenn nun darauf geantwortet wird, daß das jüdische Volk für seine Befreiung mehr getan hat als andere Völker für die ihrige, so ist das ohne weiteres anzuerkennen, aber das Schicksal wollte eben die jüdische Befreiung ungeheuer schwieriger und komplizierter gestalten als die der anderen Völker. Und wenn gesagt wird, daß die relative Passivität des jüdischen Volkes durch sein langes Exil, das seinen Willen und Tatendrang gelähmt hat, oder durch die anationale Wendung der jüdischen Geschichte des letzten Jahrhunderts zu erklären ist, so umgeht man damit das Problem, denn niemand klagt das Volk an (wir sind ja Volk und Volk ist wir), man stellt nui die Tatsache fest und man fragt: wie ist der latente Zionswille des jüdischen Volkes in manifesten umzuwandeln? Abgeordneter Grünbaum gab auf dem Kongresse seine Antwort: unentwegt auf alten Wegen fortschreiten, unser Banner immer höher heben, weitere Massen unter diesem Banner sammeln, das Volk organisieren, und in dem Maße, als diese Arbeit fortschreitet, mit denjenigen Kräften, die sie gibt, Palästina aufbauen. Ist dieses Programm imstande, die zionistische Bewegung aus der Sackgasse herauszuführen? Seit seinem Entstehen suchte der Zionismus das zu tun, was Grünbaum ihm heute empfiehlt. Das Resultat war, daß der Bewegung, gerade nach ihren größten politischen Erfolgen, üer Zusammenbruch droht, weil diese Erfolge nicht ausgenützt werden können; das Resultat war, daß etwa 25 000 Juden während der Nachkriegs jähre nach Palästina gehen konnten. Es soll dabei nicht vergessen werden, daß die letzten Jahre die günstigsten für die zionistische Propaganda waren —gut ist das vielleicht nicht einmal gewesen, denn diese Gunst wurde mit einem schweren Preise erkauft. Vor fünf Jahren, gerade als die politischen Erfolge sich ihrem Höhepunkt näherten, lag die ganze europäische Welt, und die jüdische vor allem, in Trümmern; die schwersten Schläge haben unser Volk eben damals getroffen — in seinem Leben, in seiner Wirtschaft, in seiner Ehre. Gleichzeitig ging über Europa eine Hochwelle des nationalen Rausches — die Lösung der nationalen Frage schien ein Uni Versalheilmittel der leidenden Menschheit zu sein; diese Welle mußte auch die Juden mitreißen. Alles schien somit während der letzten Jahre die zionistische Bewegung zu fördern, und diesem Zusammentreffen verschiedener Umstände verdanken wir tatsächlich das bis dahin unerhörte Aufflammen des jüdischen nationalen Willens, ihm verdanken wir unter anderem auch die Chaluzim. Trotz dieses Aufflammens aber ist man heute Heft 10/11. 37

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