Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Kongressnotizen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 576 (sequence 7)
- Language
- German
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576 Moses Beilinson: 200 ooo Juden auf die Straßen von Jerusalem zu führen, sie seiner nicht bedurft hätten. Hätte der Zionismus wirklich diese 200 000 Juden und hätte sich Weizmann trotzdem einer „diplomatischen Offensive" entgegengestellt, dann könnte man von einem wirklichen Konflikt sprechen. Wie die Dinge abei heute liegen, war es kein Konflikt zwischen Tat und Tat, sondern nur ein Scheinkonflikt zwischen Tat und Phrase, Die verschiedenen Lösungen der Jewish Agency-Frage waren schon nichts anderes als die Folge der verschiedenen Einstellungen dem politischen Moment gegenüber. Nachdem die gegenwärtige politische Lage übereinstimmend ungünstig beurteilt wurde, verlangte Weizmann folgerichtig die Intensivierung der konkreten palästinensischen Arbeit, die Opposition dagegen die Intensivierung der politischen Arbeit. Von seinem Standpunkte aus, in voller Bewertung dei Tatsache, daß mit 8—10 Tausenden Einwanderern im Jahre und mit fortdauernder wirtschaftlicher Krise der Aufbau über kurz oder lang im Sand verlaufen muß, insbesondere angesichts der schnellen politischen Veränderungen im Nahen Osten und der immer wachsenden arabischen Bewegung, kam Weizmann ganz natürlich zu dem Versuche, neue Kräfte für die „Schaffung der Tatsachen" zu gewinnen, während die Opposition bei der engeren zionistischen Organisation bleiben mußte, um bei der politischen Arbeit vollständig freie Hand zu haben. Es muß betont werden, daß der Versuch, den Weizmannschen Plan als „Verrat" an den nationalen Grundsätzen der zionistischen Arbeit hinzustellen, sich von Anfang an als verfehlt herausgestellt hat. Weder Weizmanns Tätigkeit in Amerika noch seine absolut eindeutigen und bindenden Erklärungen in den Eröffnungs- und Programmreden gaben der Opposition die Berechtigung, sein Streben, dem palästinensischen Aufbau neue Kräfte zuzuführen, als Erschütterung des zionistischen Gedankens oder der zionistischen Organisation zu betrachten. Der Kampf ging nicht um nationale oder anationale Kolonisation, sondern um freie oder gebundene Hänüe bei der Erweiterung des propalästinensischen Lagers. Es ist selbstverständlich, daß die Notwendigkeit, das Aufbautempo zu beschleunigen, auch der Opposition ganz bewußt war, nur glaubte sie dieser Beschleunigung nicht sehr viel opfern zu dürfen und der Sache durch Bewahrung des reinen, auf demokratischen Wahlen beruhenden Charakters der Jewish Agency im Grunde besser zu dienen; sie behauptete außerdem, daß die weitere Propaganda- und Organisierungsarbeit unter den jüdischen Massen sicherer, wenn auch langsamer zur Beschleunigung des Aufbautempos führen werde. Es war niemand auf dem Kongresse, der bestritten hätte, daß die Organisierung und Erziehung der jüdischen Volksmassen das souveräne Mittel der zionistischen Arbeit sei; viele, auch außerhalb der Opposition, würden außerdem gerne zugeben, daß die Volksorganisierung eine der Ziele, vielleicht auch das Ziel der zionistischen Arbeit ist. Mit solchen Betrachtungen wird aber die heutige aktuelle Frage nicht gelöst, denn sofort entsteht eine andere, anscheinend naive, in Wirklichkeit aber höchst wesentliche Frage der zionistischen Bewegung, die sie bis jetzt, trotz einer über