Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Kongressnotizen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 575 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kongressnotizen 575 weniger als die politische Welt, ist durch schöne Aufsätze nicht zu gewinnen. In der Propaganda sind die Zionisten den Arabern wahrhaftig bei weitem überlegen, und in Wirklichkeit beruhen die Erfolge der arabischen Delegation vor allem, vielleicht ausschließlich, auf der wachsenden Empfindung der Welt, daß sie es hier mit einem wirklichen lebendigen Volkswillen zu tun hat, mit einem festen Entschluß" der Araber, für ihre Rechte und Interessen (ob diese Rechte und Interessen richtig interpretiert und verstanden werden, ist eine andere Frage) zu kämpfen. Gegenüber diesem Willen, der nicht nur durch Volksversammlungen, sondern auch durch Taten dokumentiert wird, beugt sich allmählich die öffentliche Meinung, und das in desto größerem Maße, als sie gleichzeitig die entsprechende Empfindung für den jüdischen Aufbauwillen immer mehr verliert. Es hat wenig Bedeutung, daß die Taten der Araber immer negativen und oft häßlichen Charakter tragen; es sind Taten, die vom Volkswillen zeugen, und deshalb sind sie nur durch Taten zu bekämpfen. Wie sagte Weizmann? „Die politischen Erfolge werden Sie sich im Emek, ir> den Sümpfen und auf den Hügeln erarbeiten müssen, und nicht in den Kanzleien von Downing Street." Gewiß, der Boykott der Wahlen ist für die Araber viel leichter als aie Gründung neuer Siedelungen für die Juden. Die Schwere der jüdischen Tat kann die Juden von ihrer Erfüllung aber nicht befreien. Daß die interne, palästinensische, jüdisch-arabische Frage ebenfalls nur durch positive Arbeit und nicht durch Tagesordnungen, sei es freundlicher sei es drohender Art, zu lösen ist, ist in den zionistischen Reihen nunmehr eine Binsenwahrheit geworden. So kommen wir, von welcher Seite wir auch die zionistische politische Krise betrachten, zu der Lösung, die Weizmann dem Kongresse brachte. Es muß als Zeichen politischer Weisheit gedeutet werden, daß gerade der Mann, dem die Bewegung die größten politischen Erfolge verdankt, die absolute Notwendigkeit erkannt hat, diesen Erfolgen ein Fundament der Realitäten zu geben. An der Richtigkeit der Erklärungen von Weizmann, daß 25 000 Palästina-Immigranten keine den Forderungen der Stunde entsprechende Tat darstellen und daß es unmöglich sei eine „diplomatische Offensive" in luftleerem Räume zu führen, ist nichts zu beanstanden. Wenn trotzdem ein großer Teil des Kongresses sich an Phrasen berauschte und stärkeren politischen Diuck oder freie Immigration verlangte (Dr. Ruppin war der einzige, der den Mut hatte, gegen diese letzte rein demagogische Forderung aufzutreten), so war es das Residuum der alten „papiernen" Mentalität, dabei einer nicht immer aufrichtigen. Es ist wirklich nicht schwer zu verstehen, daß die Verwirklichung der Losung von „freier Immigration" in diesem Momente nui das Odium für die Beschränkung von der Palästinensischen Regierung auf die zionistische Organisation übertragen würde. In der Frage des politischen Verhaltens der Mandatarmacht gegenüber handelte es sich, zwischen Weizmann und Opposition, um keinen echten Konflikt, der wirklich ausgefochten werden müßte. Weizmann selbst bemerkte ganz richtig, daß, wenn die Zionisten imstande wären,