Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Kongressnotizen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 572 (sequence 3)
- Language
- German
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572 Moses Beilinson: leitete, in den Jahren, die unmittelbar der Balfourdeklaration vorhergingen, war er nicht Mitglied der Exekutive (des damaligen kleinen A. C.) und, wenn ich mich nicht irre, nicht einmal des großen A. C. Erst später wurde er in das kleine A. C. kooptiert, aber schon damals schien es, als ob e r die anderen Mitglieder des A. C. kooptierte. Nur nachträglich, nachdem er bewiesen hat, daß er wirklich der Fähigste, der Führer ist, durch eigene Kraft und Energie, durch eigene Leidenschaft ist Weizmann Führer geworden und ist bis jetzt mehr durch das Vertrauen der breitesten Schichten des jüdischen Volkes als durch die Gefolgschaft des. Kongresses am Ruder geblieben. In diesem selbsterrungenen und volkstümlichen Charakter seiner Führerschaft liegt die wahre, die lebendige Demokratie. Vor diesen eigentümlichen, in der jüdischen Geschichte übrigens nicht beispiellosen Fall gestellt, sollte der Kongreß weniger Anbetung der demokratischen Prinzipien und mehr Verständnis für das Phänomen des Führertums zeigen.. Das willige Anerkennen der hervorragenden Leistungen und hervorragenden Fähigkeiten Weizmanns würde in keinem Gegensatze zur echten Demokratie stehen, und das fast unbegrenzte Vertrauen, das das jüdische Volk dem Führer entgegenbringt und das man sofort fühlt, sobald man die engen Räume des Kongreßgebäudes verläßt, sollte doch die Opposition von ihrem so reichlichen Gebrauch der Schlagworte „Verrat" und „Abdankung" abbringen. Andererseits ist nicht zu leugnen, daß es Weizmann nicht immer gelungen ist, eine gewisse, wenn auch vielleicht verständliche Gereiztheit und Verbitterung so zu beherrschen, wie es dem politischen Führer ziemt» Dadurch wurde der Konflikt noch unnötigerweise verschärft und vom Kongresse sogar dort herausgefühlt, wo es sich in Wirklichkeit um keinen persönlichen Konflikt mehr handelte. Die Bedingung Weizmanns für sein weiteres Verbleiben an der Spitze der Organisation — die Akzeptierung des von ihm vertretenen Systems durch den Kongreß — kann wahrhaftig nicht als „Machtwille" betrachtet werden. Aber als er von „Politikern und Politikastern" spxach, die aus ihm eine „Stätte der Schuttablagerung für ihre Leidenschaften" machen wollen, als er dem ganzen Kongreß vorwarf, ihm „das Leben zu verbittern", da war er sicherlich ungerecht, und diese Ungerechtigkeit zeugt von einem dauernden Mißverständnis — was weniger als ein Konflikt ist — zwischen dem Führer und der Organisation; es muß, das sei im Vorbeigehen gesagt, dafür gesorgt werden, daß diese Mißverständnisse verschwinden, daß entere, man möchte fast sagen: intimere Beziehungen zwischen Weizmann und der Organisation hergestellt werden. Wenn aber Weizmann dem Kongresse erklärte, er solle ihn nicht zwingen, das durchzuführen, woran er nicht glaube, so war das nur offen und redlich; man ist Führer der Organisation, um Arbeit zu leisten und nicht um Präsident zu heißen, und positive Arbeit ist nicht zu leisten, wenn man an ihre Richtlinien keinen Glauben hat. Zu leicht vergaß man, daß hinter der persönlichen Frage eine allgemeine Frage von entscheidender Wichtigkeit, die Frage der ganzen Wertung der politischen und der wirtschaftlichen