Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Kongressnotizen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 571 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kongressnotizen 571 einen wirklichen politischen Volksführer großen Stils, dessen gleichen wir in der Zionistischen Organisation niemand haben. Auch außerhalb der jüdischen Welt sind wahrscheinlich nicht viele Staatsmänner vorhanden, die ihm an Größe verglichen werden können. Dieselben Eigenschaften aber, die Weizmann zum natürlichen Führer der Zionistischen Organisation machen, erschweren ihm die Zusammenarbeit mit anderen Männern, die die Organisation ihm zur Seite stellt, und sicher erschweren sie auch ihnen die Zusammenarbeit mit ihm. Was er in seiner Intuition schon heute fühlt oder in seiner einzigartigen Stellung in England schon heute weiß, z. B. die Schwächung unserer politischen Stellung, der drohende finanzielle Zusammenbruch der Organisation usw., wird seinen Mitarbeitern vielleicht erst morgen oder übermorgen klar. Und wenn er, von seiner Leidenschaft getrieben, sofort zur Abhilfe schreiten will, halten ihn seine Mitarbeiter, noch nicht ganz klar sehend und viel mehr als er an Grundsätze und Prinzipien gebunden (denn auch eine gewisse, allerdings nur relative Freiheit von abstrakten Prinzipien gehört zu den Führereigenschaften Weizmanns) von den notwendigen Schritten zurück. Es kommt noch ein weiterer Umstand hinzu, der in unserer Lage von einer gewissen Wichtigkeit ist. Die ersten Chowewe-Zion waren fast ausschließlich Ostjuden, während der politische Zionismus seinen größten Führer unter den Westjuden gefunden hat; Weizmann stellt hingegen einen neuen Typus dar — einen Ostjuden, der Westjude geworden und trotzdem ein Ostjude geblieben ist. Ein Jude aus Pinsk, der in England seit Jahrzehnten ansässig ist, sich dort eine Stellung erworben hat, vieles gelernt hat, die Westpsychologie versteht und trotzdem seinem Pinsk in allem Wesentlichen, in allem Besten treu geblieben iöt, das ist eine neue Erscheinung im zionistischen Leben. Wenn dieses Moment wiederum eine neue Quelle für Weizmanns Stärke ist, so ist es auch eine neue Quelle des Konfliktes, da er nun von Westjuden und von Ostjuden, leicht mißverstanden werden kann, und da nicht alle diejenigen, die sich im Zionismus einen guten Ruf erworben haben, von der zionistischen Organisation hochgeschätzt werden und die man deshalb gerne an Weizmanns Seite sähe, dieselbe eigentümliche politisch-psychologische Entwicklung durchgemacht haben wie er. So ist der 13. Kongreß Zeuge eines Konfliktes zwischen dem Führer und seinen Mitarbeitern gewesen, denen sich auch teilweise diejenigen, die der Führer zu vertreten hat, angeschlossen haben. Im Bewußtsein seiner Stärke, von bitteren Erfahrungen der vergangenen Jahre belehrt, wollte Weizmann sich eine größere Freiheit sichern, während die Opposition (manchmal schien es: die Mehrheit des Kongresses) den Mann, der das Mittelmaß weit überragt, auf dieses Mittelmaß hinunterdrücken wollte. Man berief sich dabei auf Demokratie, was offenbar auf Verwechslung der echten Demokratie, der Volkstümlichkeit der Bewegung und ihres Führers, mit abstrakten Prinzipien beruht. Weizmana ist nicht durch einen coup d'6tat, aber auch nicht durch regelrechte Wahl der Führer der Bewegung geworden. Als er tatsächlich die Geschicke des Zionismus schon