Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 568 (sequence 8)
- Language
- German
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5ö8 Nahum Goldmann: noch einen Größeren als Weizmann verderben müssen. Sie hat ihn jedenfalls in seiner Beziehung zur Organisation in eine falsche Haltung hineingedrängt. Jeder, der auf dem Kongreß war, hat es immer wieder als peinlich und unerträglich empfunden, daß Weizmann nicht mehr die Beziehung zum Kongreß und zur Organisation hat, aus der heraus er sich nur als ihr Teil empfindet, daß er vielmehr sich als eine gleichberechtigte Macht fühlt, die ihr gegenüber steht und mit ihr verhandelt. Jedes seiner Worte, jede seiner Reden, jede seiner Gesten, seine gesamte Haltung auf dem Kongreß war darauf abgestimmt. Nicht: wir, sondern: ich und ihr war das Leitmotiv seiner Reden; dies habe ich getan, was habt ihr getan; dies will ich, was wollt ihr. Dies war der immer wiederkehrende Refrain seiner Reden und seiner Haltung. Dies hat den Kongreß eigertlich demoralisiert, wie es den Zionismus überhaupt demoralisiert. Denn da die Mehrzahl der Delegierten von der Unentbehrlichkeit Weizmanns überzeugt war, so war es klar, daß der Kongreß keine Möglichkeit hatte, frei zu entscheiden und selbständig zu beschließen. War das eine Zentrum des Kongresses im Schützenhaus, wo das Plenum und die Kommissionen tagten, so war das andere, nicht weniger entscheidende Zentrum im Savoy-Hotel, wo Weizmann und seine Freunde residierten. Und alles, was der Kongreß beschloß und entschied, war nicht das Ergebnis sachlicher Erwägung und selbständig freier Beratung mit Weizmann als einem Kameraden, sondern war das Resultat parlamentarischer Unterhandlungen zwischen den beiden Zentren. Es braucht nicht erst gesägt und an Beispielen aus dem Verlauf des Kongresses demonstriert zu werden, wie demoralisierend dieser Zustand wirken mußte, in dem der Präsident der Bewegung ihr selbst wie eine selbständige, manchmal freundliche und manchmal feindliche Macht gegenüber steht. Es ist an der Zeit, auf diesen Zustand mit allem Ernst hinzuweisen. Er ist das deutlichste Symptom der Verfallserscheinungen im Zionismus. Er zeigt deutlicher als alles andere, wie sehr wir vom Wesen einer Volksbewegung abgekommen sind, in der ein solcher Zustand schlechthin undenkbar wäre;.und gerade wer die Bedeutung Weizmanns für den Zionismus kennt und der Bewegung seine noch nicht im geringsten erschöpften Kräfte erhalten will, hat die Pflicht, diesen Zustand zu ändern, der ebenso sehr gefährlich ist für den Zionismus wie für Weizmann selbst, und der, wenn er andauert, dahin führen muß, daß entweder Weizmann keine zionistische Bewegung oder die zionistische Bewegung keinen Weizmann haben wird. In diesem Zustand liegt, wie gesagt, der zweite Grund, der eine klare Entscheidung der heutigen Grundfragen der zionistischen Lage durch den Kongreß verhindert hat. Wollte der Kongreß auf der einen Seite Weizmann als Präsidenten halten und auf der andern Seite den bisherigen Weg einer Liquidation des nationalen und demokratischen Charakters des Zionismus unterbrechen, so mußte er natürlicherweise mit einem Kompromiß enden; sowohl die angenommene Resolution in der Frage der Jewish Agency