Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 569 (sequence 9)
- Language
- German
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Nahum Goldmann: per dreizehnte Zionistenkongress usw. 569 wie die Decharge-Resolution für die alte Exekutive und die Wahl der neuen tragen alle den deutlichen Charakter von Kompromißlösungen, Dies ist natürlich nicht befriedigend. Aber es ist unter den gegebenen Umständen das Maximum dessen, was jetzt erreicht werden konnte. Negativ ist damit ein Bedeutendes erzielt. Der bisherigen Entwicklung ist ein gewisser Damm entgegengesetzt worden, und in einem großen Teil der Bewegung ist durch die Debatte vor dem Kongreß und die Vorgänge auf dem Kongreß der Zweifel an der Richtigkeit des bisherigen Weges und die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Umkehr wach geworden. Es wird die Aufgabe der nächsten zwei Jahre der zionistischen Entwicklung sein, diese Erkenntnis bis in die weitesten Kreise der Bewegung und der jüdischen Öffentlichkeit zu verbreiten und dem Zionismus begreiflich zu machen, daß nichts mehr not tut als der Ablenkung aus der organischen Bahn seiner Entwicklung, die durch die Balfourdeklaration verursacht wurde, ein Ende zu machen und die Bewegung zu ihrem alten Charakter und ihren alten Traditionen zurückzuführen. Denn eins ist in den letzten Jahren jedenfalls klar geworden: der Zionismus wird die umfassende, erneuernde Renaissancebewegung des jüdischen Volkes sein oder er wird nicht sein. Man kann nicht Palästina bauen als irgend eine isolierte Sonderaufgabe des jüdischen Lebens; und wenn dies sogar möglich wäre, so hätte ein solches Palästina keine erneuernde Wirkung auf das jüdische Volk. Wir wollen nicht eine jüdische Kolonie in Palästina, sondern das jüdische Heim in Erez Israel, und dies bedeutet, daß dieses Heim nur gebaut werden kann durch die schöpferischen, erneuerten Kräfte des gesamten Volkes auf dem Wege eines umfassenden Regenerationsprozesses, dessen höchste Steigerung und Verwirklichung das jüdische Palästina sein wird. Löst sich der Zionismus von der lebendigen Entwicklung des jüdischen Volkslebens, verzichtet er auf die Beeinflussung des gesamten jüdischen Lebens im Sinne seiner Erneuerungstendenzen, dann vernichtet er nicht nur sich selbst, sondern er zerstört die Bedeutung Palästinas schon im Keime. An dieser Grundtatsache zionistischer Erkenntnis hat sich durch die Balfourdeklaration nicht das geringste geändert; und wir haben schon genug dafür bezahlen müssen, daß wir geglaubt haben, es habe sich etwas daran geändert. Nichts tut mehr not, als mit dieser Illusion aufzuräumen und zu erkennen, daß niemand Palästina aufbauen kann als das jüdische Volk, und keine andere Kraft das jüdische Volk zu dieser ungeheuren Aufgabe erwecken kann als der Zionismus. Einem großen Teil der zionistischen Öffentlichkeit hat der 13. Kongreß diese selbstverständlichen Grundwahrheiten des Zionismus wiedergegeben. Er war der erste Kongreß der beginnenden Liquidation der letzten Epoche, der erste Kongreß der beginnenden Umkehr und Regenerierung der zionistischen Bewegung. In beidem liegt beschlossen, daß er kein „schöner" Kongreß sein konnte; in beidem liegt aber zugleich beschlossen, daß er ein fruchtbarer und historisch bedeutsamer Kongreß gewesen ist.