Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 566

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus
Date
1923-01-01
Page
566 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101199-3108571--6436-3108602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

566 Nahum Goldmann: Der Kongreß war leider nicht konsequent genug, um diese Erkenntnis, die, was die fremden politischen Mächte betrifft, bereits durch die Empirie bestätigt ist, auch auf unsere Einstellung zu jenen Kreisen des jüdischen Volkes auszudehnen, die uns bis heute fern gestanden haben und innerlich auch heute noch fremd sind. Ein großer Teil der Delegierten war noch nicht mutig genug, mit der Illusion von der Rettung durch England auch die andere neue Illusion der Rettung durch die jüdische Plutokratie zu zerschlagen. Keine Empirie war hier vorhanden, um diese Illusion zu demaskieren, und so teilte der größere Teil des Kongresses den Glauben Weizmanns an diesen neuen Bundesgenossen. Aber immerhin war der Kongreß vorsichtig und skeptisch genug, um nicht blind in diese Bundesgenossenschaft hineinzugehen, sondern beschwerte den Versuch der Erweiterung der Jewish Agency, den Weizmann unternehmen will, mit so vielen Kautelen und Sicherur gen, daß bei einer loyalen Durchfühlung der Kongreßresolution keine allzu großen Gefahren zu befürchten sind. Was aber wichtiger ist als die Entscheidung des Kongresses in dieser Sonderfrage, die von dem Kongreß viel zu sehr in ihrer Bedeutung überschätzt wurde und die man endlich auf das Maß ihres wirklichen Wertes zurückführen soll, war die allgemeine Stimmung des Kongresses. Und hier, glaube ich, ist doch ein erheblicher Fortschritt gegenüber dem vorigen Kongreß zu konstatieren. In großen Teilen des Kongresses zeigte sich ein Wille zur Organisation, ein Glaube an den Wert der Organisation, ein Glaube an die Bewegung und ein Selbstbewußtsein, das beweist, daß der Weg zur Rückkehr zu den alten Grundlagen des Zionismus von erheblichen Teilen bereits beschritten worden ist. Die Konstituierung der demokratischen Gruppe mit dem ausgesprochenen Programm einer Rückführung des Zionismus zu seinem ursprünglichen Charakter als der umfassenden jüdischen Volksbewegung ist ein Symptom mehr für diese allerdings späte, aber doch beginnende Erkenntnis von den bisherigen Irrwegen zionistischer Entwicklung. Wie gesagt, dies alles war nur ein Anfang. Der Kongreß hat keine klare und radikale Entscheidung getroffen, und er konnte dies nicht tun: aus zwei Gründen nicht. Zunächst einmal, weil in der Majorität der Bewegung sich noch nicht die klare Erkenntnis von der falschen und gefährlichen Tendenz der letzten Jahre durchgesetzt hat. Erst das Problem der Erweiterung der Jewish Agency hat vielen die Augen geöffnet; allein die Debatte über diese Frage vor dem Kongreß war zu kurz, um diesen Kläiungsprozeß so weit zu fördern, daß die Majorität der Bewegung sich der Notwendigkeit einer Revision unserer bisherigen Einstellung bewußt geworden wäre. Zu diesem einen allgemeinen Grund kam ein zweiter hinzu, scheinbar rein persönlicher Art und doch sachlich so wichtig, so entscheidend für den Kongreß und in seiner symptomatischen Bedeutung so interessant, daß man gezwungen ist, in aller Öffentlichkeit und ohne jede Rücksicht von ihm zu sprechen; ich meine das Problem Weizmann. Ich sage das Problem Weizmann und sage nicht die Person Weizmann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.