Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 565 (sequence 5)
- Language
- German
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Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus 565 Brandeis zu Weizmann in den letzten zwei Jahren beweist, wohin die Tendenz der zionistischen Entwicklung der letzten Epoche führen mußte. Daß Weizmann heute das Programm von Brandeis vertritt, ist nur konsequent von ihm; es war nur inkonsequent in der Tradition der letzten Epoche der Balfour-Deklaration, daß er vor zwei Jahren Brandeis gestürzt hat; und heute steht er endlich da, wohin er gelangen mußte auf Grund der Entwicklung, die er inauguiiert hat. Daß ein großer Teil des Zionismus, wenn nicht der größere, bereit gewesen ist, bedingungslos Ja und Amen zu seinem Programm zu sagen, beweist aber, wie schwach die zionistischen Instinkte in diesen letzten Jahren geworden sind, und wie drohend die Gefahr der Liquidation des Zionismus als der nationalen Renaissancebewegung des jüdischen Volkes bereits ist. In dieser Situation trat der 13. Kongreß zusammen. Er hatte eine historische Aufgabe: diesem Prozeß der Liquidation des bisherigen Zionismus ein Ende zu machen, ihn zumindest zu unterbrechen, wenn möglich aber den neuen Prozeß einer Rückkehr zu den alten Grundlagen der Bewegung einzuleiten. Hätte der Kongreß bedingungslos das Weizmannsche Programm akzeptiert, hätte er sich mit der englischen Politik in Palästina „loyal" und bescheiden zufrieden gegeben, hätte er Weizmann carte blanche bewilligt zur Erweiterung der Jewish Agency in irgend einer ihm passend erscheinenden Form, und hätte er die neue Exekutive in jener „homogenen" Weise zusammengesetzt, die es Weizmann ermöglicht hätte, ungestört den Zionismus auf den Weg der letzten Jahre weiterzuführen, dann wäre vielleicht in der Tat ein 14. Kongreß nicht mehr möglich gewesen, und an seine Stelle hätte zwei Jahre später vielleicht eine Konferenz jener neuen, halb zionistischen, halb antizionistischen Notabein getagt, die von nun an die Träger des Aufbaus Palästinas geworden wären. Es ist in hohem Maße tröstend und stärkt den sehr erschütterten Glauben an die Kraft der Bewegung, konstatieren zu können, daß der Kongreß das nicht getan hat. Er hat allerdings keine radikale Wandlung des Kurses der zionistischen Entwicklung herbeigeführt; die Majorität der Bewegung ist dafür noch nicht herangereift; aber er hat zweierlei getan, was zwar vorwiegend negativ ist, aber in seiner Negation ungemein heilsam werden wird. Er hat zunächst einmal aufgeräumt mit den politischen Illusionen und Chimären der letzten Jahre, mit denen man die Bewegung Jahre hindurch irregeleitet hat. Er hat den Delegierten reinen Wein eingeschenkt über die wirkliche politische Lage in Palästina und in London; und keiner wird nach diesem Kongreß nach Hause gehen können und noch. glauben dürfen, daß England uns Palästina „geben" wird. Nach diesem Kongreß weiß der Zionismus, daß durch die Balfour-Deklaration die tatsächliche Lage in Palästina nicht plötzlich eine andere geworden ist, daß die Schwierigkeiten unserer Kolonisation nicht irgendwie kleiner geworden, vielmehr durch die neu entstandene Araberfrage unerwartete neue Schwieligkeiten hinzugekommen sind; und daß wir mehr denn je einzig und allein auf uns angewiesen sind und keinerlei Hilfe von außen zu erwarten haben.