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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 563

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus
Date
1923-01-01
Page
563 (sequence 3)
Language
German
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Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus 563 der entscheidendere Beweis für unsere Unreife ist die talsche psychische Beziehung, die wir zu der Balfour-Deklaration eingenommen haben, die falschen und gefährlichen seelischen Wirkungen, die sie auf uns ausgeübt hat. Erfolge sind für eine idealistische Bewegung immer in einem gewissen Sinne gefährlich, gefährlicher meist als ein Mißerfolg; und jeder Blick in die Geschichte beweist, daß die meisten idealistischen und revolutionären Bewegungen durch ihre Mißerfolge groß geworden, an ihren Erfolgen aber zugrunde gegangen sind. Man muß schon sehr stark sein, sehr reif und seiner selbst sehr bewußt, um einen großen und besonders einen plötzlichen, überraschenden Erfolg ohne inneren Schaden ertragen zu können. Wir haben diese Stärke nicht gehabt. Anstatt zu verstehen, daß jetzt erst recht der Moment für den Einsatz aller Kräfte gekommen und die höchsten Anstrengungen das Minimum dessen sei, was not tut, ließen wir uns durch den plötzlichen Triumph des politischen Zionismus zu der Illusion verführen, als wäre das Wesentliche schon erreicht und unser Werk gesichert. An diesem Fehler trägt die Führung der Bewegung nicht minder Schuld wie die Masse der Geführten. Von der Leitung aus ging jene Parole des Schehechejanu, jene Stimmung der Segenssprüche und pseudoreligiösen Floskeln, jene Einstellung des Jubels und der restlosen Begeisterung, die bei den Massen des Volkes den Eindruck erwecken mußte, als ob der Messias in der Tat schon gekommen sei. Diese Stimmung, in der der Zionismus Jahre hindurch lebte, mußte katastrophal wirken; denn das ist nicht die Atmosphäre, in der eine Bewegung von der Art der zionistischen wachsen und innerlich erstarken kann. Und die Folge war, daß der Zionismus damit aus der gradlinigen Bahn seiner organischen Entwicklung abgedrängt wurde. Aus kleinen Anfängen heraus erwachsen, geschaffen und entwickelt durch den fanatischen Glauben eines Häufleins von Schwärmern und Kämpfern, ganz und gar darauf gestellt, heroisch zu sein oder nichts zu sein, objektiv verwurzelt in der furchtbaren Not des jüdischen Volkes, die keine Steigerung mehr zuließ, subjektiv begründet in dem Mut der Verzweiflung und dem heldischen Glauben seiner Anhänger, diese Not und das tragische Schicksal überwinden zu können, war der Zionismus infolge dieser unserer Reaktion auf die Balfour-Deklaration in eine ihm fremde, ja tödliche Atmosphäre geraten. Das Grundelement zionistischer Erkenntnis, daß wir nur auf uns selbst gestellt seien, daß niemand uns helfen könne als wir selbst, daß, konkret gesagt, Palästina nur erworben und gebaut werden könne durch die schöpferische Erneuerung und heroische Anspannung des jüdischen Volkes, diese Erkenntnis geriet, wenn auch nicht bewußt zugegeben, so doch unbewußt ins Wanken. Wir glaubten auf einmal einen Helfer zu haben: die englische Regierung, die Großmächte, den Völkerbund. Wir, die wir mit Jahrzehnten gerechnet hatten, bis Palästina wahrhaft unser sein würde, hielten die Vollendung des Werkes nunmehr für eine Sache von Monaten oder schlimmstenfalls von wenigen Jahren. Und so ward der Schwerpunkt unseres Wirkens völlig verschoben. Nicht mehr die erzieherische Arbeit am jüdischen Volk, nicht mehr der innere Kampf um 36*

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