Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Der dreizehnte Zionistenkongress und die Zukunft des Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 562 (sequence 2)
- Language
- German
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562 Nahum Goldmann: im Kreise der relativ wenigen, die den Kongreß eigentlich „machten". Mit einem Wort: kein schöner Kongreß nach dem Urteil der meisten Delegierten und gewiß aller Galeriebesucher. Und doch glaube ich, daß er ein guter und wichtiger, ein nützlicher und fruchtbarer Kongreß war. Gut in jenem historischen Sinne, von dem ich sprach, insofern er den Ausgangspunkt einer heilsamen und fruchtbaren Tendenz innerhalb des Zionismus bedeutet und, wie mir scheint, den definitiven Abschluß einer Epoche zionistischer Entwicklung darstellt, die, wie wir schon heute zu erkennen vermögen, schädlich und unfruchtbar für den Zionismus gewesen ist und Erscheinungen gezeitigt hat, an deren unheilvollen Wirkungen wir noch heute leiden und noch eine gute Weile zu leiden haben werden. Man kann daher das Wesen und die Bedeutung des 13. Kongresses nicht verstehen, würde man ihn aus sich selbst zu begreifen und zu werten versuchen. Vielmehr muß man ihn einstellen in die zionistische Entwicklung der letzten Jahre und seinen Verlauf und seinen Sinn von einem solchen historischen Gesichtspunkt zu begreifen suchen. Die letzte Epoche zionistischer Entwicklung, die mit dem Jahre 1918 einsetzt und mit diesem Kongreß, wie mir scheint, ihren vorläufigen Abschluß gefunden hat, ist die Epoche der Balfour-Deklaration. Sie stand ganz und gar unter dem Zeichen und unter der Wirkung dieses plötzlichen, unerwarteten und überraschenden Erfolges, den der Zionismus weltpolitisch durch die Balfour-Deklaration und das englische Mandat über Palästina errungen hat. Wir haben heute, fünf Jahre fast nach der Deklaration, genügende Distanz zu ihr und einen genügend weiten Überblick über die Wirkungen, die sie ausgeübt hat, um ihre Bedeutung und die Bedeutung dieser fünfjährigen Epoche, die von ihr beherrscht war, beurteilen zu können. Und wer dies tut, bereit, sich «von Phrasen und Vorurteilen, die durch einige Jahre hindurch den Zionismus beherrscht haben, freizumachen und mutig genug, die Dinge so zu nennen, wie er sie sieht, der wird zugeben müssen, daß die Balfour - Deklaration, gesehen vom Standpunkt der zionistischen Idee und der inneren Kraft der Bewegung, vielleicht ebenso sehr geschadet wie genützt, auf jeden Fall aber den Zionismus in eine gefährliche und abwegige Bahn seiner Entwicklung gedrängt hat. Daß dies so war, ist nicht die Schuld der Balfour-Deklaration und nicht die Schuld der englischen Staatsmänner, die sie gegeben haben, deren Absichten zweifellos die besten waren und denen der Dank des jüdischen Volkes für immer gewiß ist. Es lag vielmehr an uns, am jüdischen Volk im allgemeinen und am Zionismus im besonderen, daß die Balfour- Deklaration diese Folgen gehabt hat. Wir waren, um es mit einem Wort zu sagen, noch nicht reif für die weltpolitische Anerkennung unserer Ansprüche auf Palästina. Einen augenfälligen Beweis für unsere Unreife haben die letzten Jahre gebracht, die gezeigt haben, daß das jüdische Volk als Ganzes nicht die Kraft, die Energie, die Opfer an Leistung und Geld aufgebracht hat, die nötig gewesen wären, um aus den Versprechungen der Balfour-Deklaration eine Wirklichkeit zu machen. Wichtiger aber,