Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Der Tod
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 559 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Philosophie 559 seele weiterleben, die neues Wissen gewinnt, vielleicht durch neue Tode hindurchgeht und so in der Zeit ewig (sempiternitas) fortbesteht. Danach wäre das Wirkliche so beschaffen, daß Einzelseelen Sprünge hinsichtlich des erlebten Etwas erfahren. Dies ewige Fortbestehen der Individualseelen nach dem Tod eröffnet nur den Ausblick in die höchste Region, ist aber selbst noch Vorstufe; die Frage nach der höchsten würde sogar für mich bestehen, wenn die Seinsform nach dem Tode leidensfrei und ohne Erinnerung an die irdischen Leiden sein sollte. Es bleibt die Frage: warum muß ich durch diese Leiden jetzt hindurch? 2. Es könnte mein Individual-Ich im Tode völlig erlöschen und, ohne daß Erinnerung hinübergenommen wird, in ein Über-Ich eingehen, das meine persönliche Erinnerung gleichfalls nicht einfügt. Hier entsteht direkt die Frage nach dem Verhältnis des irdischen Ich zum Überpersönlichen. 3. Das Ich wird Teil des Überpersönlichen und weiß um seine fortdauernde Sonderexistenz als Teil. Aber es ist wirklich ewig im zeitlosen Sinn (aeternus). Ohne auf all das Schwierige und Befremdliche dieser Vorstellung hier einzugehen, sei nur betont, daß auch hier eine Frage sich einstellt, die über den Tod hinausführt: Warum überhaupt Irdisches, wenn Nicht-Irdisches sein kann? In diesem Aufsatz soll nicht dargestellt werden, wie die Metaphysik höchster Stufe beschaffen ist, und welche Antwort Driesch als vermutlich treffende auf die Fragen, die sinnvoll aufgeworfen sind, gibt; das würde eine eigene Betrachtung erfordern. Hier soll nur scharf herausgearbeitet werden, welche besondere Rolle die Tatsache des Todes für das metaphysische Erkennen hat, und zu welchen bedeutungsvollen neuen Problemen, wie sie im ersten Teil der Metaphysik noch nicht auftauchten, sie hinführt. Da ist zunächst der Ausblick auf möglichen Beginn und Ende der Zeit und darauf, was diesem Gefüge metaphysisch entspricht. Die Möglichkeit, daß es ein Werden und Sein im Zeitlosen bezw. Nicht-Zeitlichen gibt1), daß das Wirkliche in die Zeit hinein und aus der Zeit heraus wird, also Stufen des Wirklichen vorhanden sind, lehrt ganz unmittelbar das Ereignis Tod, jedenfalls in der unter 2. und 3. oben erörterten Möglichkeit. Während die früheren Bemühungen Drieschs, die Gesamtheit des Erfahrungshaften in allen Einzelheiten metaphysisch zu deuten, gleichsam nur ein Suchen nach Gründen zu gegebenen, vorgefundenen Folgen, dem Empirischen, darstellten — und hierauf beruht der hypothetische Charakter aller Metaphysik, weil man nicht eindeutig von der Folge zum Grund gelangen kann — ist nunmehr durch den Tod eine neue Fragestellung eröffnet: es soll eine neue Art von Kausalität eingeführt werden, welche die Erscheinungswelt nicht lediglich als von deren metaphysischem Korrelat nach dem logischen Konsequenzverhältnis mitgesetzt auffaßt, sondern die uns alsWelt erscheinende Phase des Wirklichen auf ihren Werdegrund zurückführt und ihrerseits wieder zum- Werdegrund einer „künftigen" Phase des Wirklichen werden läßt. Mit anderen Worten: es wird gefragt, was Ich und die Welt gewesen sind und sein werden vor und nach meinem irdischen Sein, vor undnach der Existenz sämtlicher belebten Wesen, insbesondere der Menschen. Vom Ich habe bewußt etwas ausgehend, läßt der Tatbestand des Todes diesen Ursachverhalt sprengen und teilt das Wirkliche in „Welt" und „Nicht-Welt." Diesen ungeheuren Schritt dem Absoluten entgegen ermöglicht ganz unmittelbar der Tod1). Schon in der Metaphysik erster Stufe gab es viele Dunkelheiten. Wir mußten annehmen, daß das Wirkliche um sich in vielen lebenden Einzelwesen weiß. Wir sahen, daß es neben Ganzheit, wie sie u. a. in der Entelechie, der Sittlichkeit zum Ausdruck kommt, Zufall gibt: die Körperlichkeit, die Materie, an der das Individuum physisch, ethisch und metaphysisch leidet. Das Leiden erzeugt den Wunsch nach Erlösung: man will frei werden von dem, was einen zum Leiden verurteilt, von der Körperlichkeit. Aber ehe wir den Tod analysieren, ist das alles nur ein Schrei des nach Erlösung Dürstenden. Der Tod aber zeigt uns die Lösung vom Körper und öffnet den quälenden Fragen das Tor. Hier stellt Driesch, die Problemstellung von oben variierend, die gewaltigen, glänzend formulierten Fragen: Was heißt es, daß das, woran ich leide, endet? Was heißt es, daß ich gerade an dem, was endet, leide? Und weshalb war es „wirklich", woran ich leide? — In eine Forderung nach Erlösung klingt der Dualismus, der das Leid mit sich bringt, aus. Erlösung heischt übrigens auch eine dualistische Lehre, dem das irdische Dasein (,,Welt"stadium) des Menschen nicht Strafe für den Sündenfall, sondern schuldlosesSchicksal ist (edles Unglück)2). x) Auf die großen Schwierigkeiten können wir hier nicht eingehen. Vgl. Driesch, Wirklichkeitslehre, S. 315 ff. 2) Brod, Heidentum, Christentum, Judentum. K. Wolff, München 1921. Zahlreiche Stellen.