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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 558

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Der Tod
Date
1923-01-01
Page
558 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Philosophie bezeichnet werden; und möglicherweise liegt in dieser einzigartigen Hervorhebung eine besonders rühmende Kennung. Der Sohar nennt sogarden Todestag, „ jomah. d'hillulah".1) So wären immerhin einige Stimmen, die den Tod bejahen. Auch hat der Thalmud die ergreifende Bezeichnung „mithath neschikah,"2) die vom Tode Mosis abgeleitet wird, von dem es heißt, er sei „al pi haschem"3) gestorben; dieselbe Wendung wird für plötzliche Todesfälle gebraucht, die im Greisenalter (von 80 Jahren an) eintreten; so bei Raw Huna. Der Tod durch einen Kuß Gottes — das ist keine Strafe, kein Schmerz, das ist Erhebung. Der Thalmud diskutiert auch lebhaft, wie die Toten sich zur Welt usw. verhalten. Haben die Toten Wissen, empfinden sie Schmerz?4) Eine Auffassung besagt: „Schmerzlich ist der Wurm im Fleisch des Toten wie die Nadel im lebenden Gewebe"; an derselben Stelle wird die Ansicht vertreten, daß die Toten ihren eigenen Schmerz fühlen, den anderer nicht. Auch werden Mitteilungen Toter an Lebende und Unterhaltungen zwischen Toten erwähnt. Erwähnung verdient eine Stelle in Pirke d'R. Elieser, die der Seele nach dem Tode des Individuums denselben Zustand zuschreibt, wie während des Lebens im Traum. In eine Diskussion über die angeführten Stellen wollen wir erst später eintreten, ebenso erst dann von den religionsphilosophischen Umdeutungen sprechen, die Hermann Cohen vorgenommen hat. Hier sei nur ganz allgemein bemerkt, daß, abgesehen von den eben erwähnten Mitteilungen Toter an Lebende und den Gesprächen der Toten untereinander, die in unseren Tagen eminentes Interesse gewinnen angesichts der okkultistischen (besser: parapsychologischen) Forschung — im wesentlichen nur darüber gestritten wird, ob^die Tatsache des Todes als ein Glück oder Übel zu bezeichnen ist. Nur in der überwältigenden Randnotiz von R. Meir, der Gott die Auffassung zuschreibt: der Tod ist gut, Gott habe schon in der Schöpfungsperiode die Rolle des Todes in seinem Weltplan für passend befunden und ihn gelobt wie die anderen positiven Leistungen, wächst er zu metaphysischer Höhe empor und überwindet blasse Rechtfertigung und matte Apologetik. Demgegenüber ist das Zitat aus den Pirke*R. x) Abschnitt Sch'mini. 2) Todeskuß. 3) durch Gottes Mund. *) Babli, B'rachoth 18a. Elieser ein Versuch, nüchtern und ohne ethische oder andere Wertung den Zustand der Seele nach dem Tode zu umschreiben. IL Driesch gelangt kaum gefühlsmäßig zum Tod als einem Problem der Metaphysik, obgleich die Rolle von Krankheit, Tod usw. als physischer Leiden, wie auch die Bedeutung von Zufall, Bösem und Irrtum als den anderen mala, für die Ausbildung seiner dualistischen Metaphysik nicht gering ist. Wichtiger aber ist für ihn, daß die Metaphysik erster Stufe, die die Lehre vom Wirklichen überhaupt bringt, bedeutsame Dinge unbeantwortet laßt. Es ergab sich nämlich nur, daß „das Wirkliche so geartet ist, daß es um sich in mir und anderen.....in Form der im Werk niedergelegten metaphysischen Einzelausdeutungen der Erfahrung weiß."1) Aber diese Ausdeutungen sind geknüpft an ein „jetzt — hier"; d. h. unsere Versuche eine Metaphysik zu errichten, nehmen nur Bezug auf die Erlebnisse lebender Menschen, deren Urerlebnis das Ich weiß (um mein Wissen wissend) etwas ist. Da erhebt sich die Frage: was ist nach meinem Tode, was war vor meiner Geburt, was wird nach dem Tod aller Menschen sein? Wird nicht das „Etwas" (Objekt) in irgend einer Form „sein", und wird es nicht von irgend einem Subjekt (Bewußtseinsträger) „gehabt" werden? Wird die Urbeziehung „Wissen" nicht in irgend einer, wenn auch noch so abweichenden Form bestehen? Was bedeutet der Tod mit Rücksicht auf das Ich weiß und das Etwas, und was ergibt sich hieraus für das Wirkliche? Und endlich: was „bin" ich möglicherweise nach dem Tode? Indem Driesch diese Fragen aufwirft, glaubt er schon durch die Fragestellung grundsätzlich über das bisher Erkannte herauszukommen, weil auf diesem Terrain mehr als richtiges Fragen nicht möglich ist, die Erörterung der Möglichkeiten aber schon entscheidend vorwärts bringt, da deren Zahl begrenzt ist und von ihnen aus auch in bezug auf das Höchste, die Gottesfrage, nur noch wenige Eventualitäten übrig bleiben. So wird der Tod das Tor zur Metaphysik höchster Stufe. DieMöglichkeiten, die mit Bezug auf die Fortexistenz des Ich nach dem Tode bestehen, sollen nun im Anschluß an Driesch genannt werden. 1. Ich könnte nach meinem Tode als reine, nicht an den Körper gebundene Einzel- *) Driesch, W. L. S. 295.

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