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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 560

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Der Tod
Date
1923-01-01
Page
560 (sequence 4)
Language
German
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5<3o Umschau: Philosophie HI. Bei einem Vergleich der Drieschschen Lehre vom Tode mit den Aussprüchen, die in der jüdisch-religiösen Literatur sich finden, fällt zunächst eine grundverschiedene Einstellung beider auf: das Leid in der Welt, das im Tod scheinbar seinen Gipfel hat, wird für die religiöse Betrachtung entweder Gegenstand der Klage oder eine überwindbare Schranke. Die Lehrmeinung, die den Tod begrüßt liegt in einer Linie mit der Bewertung der Leiden durch R. Akiba: „Teuer sind die Leiden11, Für Driesch aber ist der Tod grundsätzlich von anderem Leid, das er sehr ernst nimmt, zu trennen. Während das Leiden im allgemeinen den Dualismus zu einer metaphysischen Notwendigkeit macht und als einzigen Ausweg die Möglichkeit einer Erlösung von Leiblichkeit und ihrem Verhängnis ahnt, öffnet der Tod mit Gewißheit das Tor zu einem Gefilde, wo reine Seelen sind. Wie immer nun jenes Reich der Seelen im Verhältnis zu Gott gedacht werden möge, jedenfalls lehrt uns der Tod die Trennung der Seele vom Körper und läßt mit ganz anderer Wahrscheinlichkeit die Überwindung der Welt erhoffen. Im Vordergrund des Interesses steht für Driesch — auch hierin ein Unterschied — das Wissens leiden, das zugleich wissendes Leiden ist und an der Erkenntnis von der Nicht-Ganzheit krankt. In der jüdischen Anschauung sind freilich noch andere positive Elemente in der Lehre vom Tode vorhanden, die in Wendungen wie „wajeassef el amaw" (er wurde zu seinen Vätern versammelt) und „wajischkaw im awothaw" zum Ausdruck gelangen. Ob Hermann Cohens1) Deutung erschöpfend ist, weiß ich nicht; jedenfalls ist sie ansprechend: der Mensch wird im Tod, wenn er zu den Vätern eingeht, über seine bisherige Stellung als Einzelwesen hinausgehoben. In des Volkes Seele geht die Seele des Individuums ein und empfängt Unsterblichkeit durch geschichtliches Fortleben (des Individuums) im geschichtlichen Fortbestande des Volkes. Das ist freilich eine ganz andere, rein irdisch-historische Deutung, die dazu für Cohen reichlich national gefärbt ist, aber dennoch für die Bewertung des Todesproblems beachtenswert genug bleibt. Cohen hält sich im übrigen davor zurück, den Tod metaphysisch zu deuten. Er ist ihm ein metaphysisches Übel und kein Thema für den Ethiker und Religionslehrer, weil es nicht 2) Die Religion der Vernunft nach den Quellen des Judentums. Leipzig 1919. S.354. im Aufgabenbereich desMenschen liege, an der Abschaffung des Todes zu arbeiten wie etwa im Sozialen an der Verbesserung von Not und Leid. Es ist nicht ganz leicht, eine Frage zu beantworten, die recht nahe liegt: welche der drei Möglichkeiten der Fortexistenz der Einzelseele nach dem Tode, wie sie Driesch zeichnet, mag der jüdischen Lehrmeinung entsprechen? Ich will nur meiner Meinung nach der negativen Seite bestimmten Ausdruck verleihen: die zweite Möglichkeit (s. o.), nach der das Individualistische im Tode völlig erlischt, dürfte wohl ausscheiden. Wenn man thalmudische Erzählungen über Mitteilungen Verstorbener berücksichtigt, so läßt das für die Meinung der Tradition nur eine Wahl zwischen der ersten und dritten Möglichkeit oder eine Kombination beider zu, die auch Driesch in Betracht zieht. Zwischen diesen möchte ich vorderhand mir keine Entscheidung erlauben. Cohen würde auf jeden Fall wohl eine völlige Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott ablehnen, wenn er überhaupt solche Erwägungen zuließe, und nur die erste Möglichkeit einräumen. Die jüdische Lehre hat aber noch eine versöhnende Botschaft: der Akkord von Frieden und Tod raubt diesem den Stachel. (DieToten bedürfen des Friedens: „Groß ist der Friede, denn selbst die Toten bedürfen seiner"). In Worten wahrer Religiosität und abgeklärter Weisheit hat Hermann Cohen, selbst am Rande der Ewigkeit stehend, diesen Bund zwischen Frieden und Tod verherrlicht und in ihm die Ursache dafür entdeckt, daß den Juden keine Todesfurcht beschleicht. „Auf der Bahn des Friedens kann es keine Todesfurcht geben, der Friede als der Friede des ewigen Lebens wird selbst zum ewigen Frieden1)". Ich wollte in dieser Abhandlung nur der Dolmetsch der Lehrer großer Meister sein und habe deshalb an einem Problem, das alle bewegt, dem Tod, die Anschauungen unserer religiösen Tradition, eines großen zeitgenössischen Philosophen, der es erheblich vertieft hat, und eines Denkers, der aus beiden Quellen geschöpft, dargestellt. Möchte mancher erkennen, wie sehr das Denken und Forschen der Besten, wenn auch auf getrenntem Weg, und nach verschiedener Methode, den Urgrund des Seins zu erkennen strebt und deshalb wahrhaft religiös genannt werden darf. Viel können wir von diesem rastlosen geistigen Bemühungen lernen, und finden uns dabei unverhofft nicht selten im ureigensten Gebiet unserer alten Lehre wieder. Oskar Wolfsberg x) a. a. O. 542 ff. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Ernst Simon, Frankfurt am Main Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julius Beltz in Langensalza

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