Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Der Tod
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 557 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU PHILOSOPHIE DER TOD (Zugleich eine Besprechung von Hans Driesch: Wirklichkeitslehre.1)) Der Leipziger Philosoph HansDriesch, dessen metaphysisches Werk hier — jedenfalls in einem wesentlichen Kapitel — dem Leser nahegebracht werden soll, sagt in seinem lesenswerten Vorwort (W. L. S. VIII): ...» „so wird man in anderen Kreisen verwundert sein, eine Frage ... an eine ganz besonders ausgezeichnete Stelle gerückt zu sehen, die in neueren philosophischen Werken eigentlich gar keinen Platz, nicht einmal einen Platz im Reich des Unbehandelbaren, mehr findet: die Frage nach der Bedeutung des Todes/* — Für die streng wissenschaftliche Philosophie trifft Drieschs Charakteristik gewiß zu. Um so mehr beschäftigt das Problem des Todes weite Kreise denkender Menschen, die es gewiß begrüßen werden, daß nun endlich einmal ein hervorragender Forscher, der schon oft den Mut hatte, neue Wege zu gehen, auf die Gefahr hin, einsam zusein, versucht, dem Problem als Denker beizukommen, soweit das eben möglich ist. In wenigen Fragen reichen sich Gläubige und Denker so sehr die Hände wie in der des Todes. Ein Ahnen nur kann da beide Gruppen erfüllen, und jeder vermag den anderen anzuregen. Die jüdische Lehre, die man gern und mit Recht eine Lehre des Lebens nennt, gehört unter den religiösen fraglos zu den lebensbejahenden. Und so konzentriert sich nicht nur das gesetzgeberische Interesse, sondern auch die Religionsphilosophie auf das Leben und die Lebenden. Ja, nicht selten wird der Tod als tragisches Walten und Sch'ol als ein trostloses Reich geschildert. Man möchte glauben, daß dem Tod gar keine Erkenntnis abzuringen sei, daß er nur vernichte und die religiöse Metaphysik nicht bereichere. Daß das nicht unbedingt zutrifft, daß nicht nach jüdischer Lehrmeinung etwa mit Schopenhauer, der Tod „das Dementi ist, das dem mit dem Anspruch auf Dasein auftretenden Individuum erteilt wird", das soll imFolgenden gezeigt werden. Zugleich aber will ich Drieschs Lehre *) Driesch, Hans, Wirklichkeitslehre (cit. als W. L.), 2. Aufl., Leipzig, Reinicke 1922. — vom Tod darstellen und so an jüdischer Weisheit und Drieschscher Philosophie Goethes unvergleichliches Wort demonstrieren: ...... Des Todes rührendes Bild steht Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. Jenen drängt es ins Leben zurück und lehrt ihn handeln; Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, in Trübsal die Hoffnung; Beiden wird zum Leben der Tod.1) I. Ich beginne mit einigen charakteristischen Äußerungen der jüdischen Lehre über den Tod. Es ist schon angedeutet, daß die meisten Gedanken, die zu ihm geäußert werden, ihn nicht freudig bejahen, herbeiwünschen und segnen, sondern ihn abweisen. So schon in der Bibel. Die meisten dieser Aussprüche stehen — und das ist charakteristisch für die dem Leben und seiner Erhöhung zugewandte Tendenz — unter dem Eindruck, daß mit dem Tod der Gottesdienst, Gottes Verherrlichung und das Studium der Lehre ihren Abschluß finden: „Denn im Tod gibt es kein Andenken an Dich, im Grab, wer dankt Dir da?"2) Dieses Thema wird oft variiert; auch in der mündlichen Lehre findet er sich wieder. Zu Psalm 116: „Nicht die Toten preisen Gott" bemerkt der Thalmud: „Denn wenn der Mensch stirbt, wird er der Thorah und der Mizwoth ledig, und Gott wird durch ihn nicht verherrlicht;" und ähnlich zu Ps. 88: „Unter den Toten bin ich frei wie Erschlagene"3). Demgegenüber finden wir doch einige bezeichnende Aussprüche die denTod höher bewerten. So in Koheleth, wo das Leben und sein Sinn skeptisch gewertet wird: „Besser ist Tag desTodes als der der Geburt."4) Ambedeutsamsten aber erscheint folgender Satz: „In der Thorah des Rabbi Meir fand sich geschrieben: und siehe, alles war sehr gut (tor meod) — das bedeutet: gut ist der Tod (maweth; vermutlich wurde es auch möth gesprochen)".5) Hier wird der Tod den Schöpfungen Gottes zugerechnet, die als gelungen *) Hermann und Dorothea. 2) Psalm VI, 6. 3) Babli, Sabbath 30a. 4) Koheleth VII, 1. ß) B'resch. rabb. IX.