Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 555

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Stimmen
Date
1923-01-01
Page
555 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101198-3108486--6417-3108558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bemerkungen: Stimmen 555 Ende der Welt zu leben haben." Das Volk, das an den Beginn seiner Geschichte die Knechtschaft stellte und den Auszug zum Wagnis der Freiheit, das seit den Tagen Samuels im Namen des Geistes auf irdische Herrschaft zu verzichten gewagt und dadurch seine Existenz verewigt hatte, ist ihm das „aristokratische" Volk. „Es gibt Männer, die in die Zukunft sehen, wo wir von heut auf morgen blind sind — und darin liegt ein Trost, darin ein Glaube: es gibt Männer, denen das Los zufiel, über das Heil zu wachen, und die uns nicht untergehen lassen. Sie sind nicht Götter und doch unsterblich, obwohl der Tod ihnen droht; sie stehen über der Welt, die mordet und liebkost. Uns unsichtbar, wissen sie doch einer vom andern; ihre Freimauerei kommt aus Jahrhunderten und geht in Jahrhunderte. Über uns herrschen Götter, über sie der Gott Zebaoth. Ihnen ist das Ganze alles; ihnen steht das Geschlecht über der Nation. Wir kennen die Liebe der Augenblicke, sie aber kennen eine höhere, nur eine Leidenschaft: zum Stern, auf dem sie atmen. Sie sind hart. Mächtige Fürsten. In ihrem Schilde ist eine Handfläche und Staub. Und sie wachsen bis an die Wolken hinan." So ist den Juden das Schicksal zugefallen, ewige Wächter über das Heil zu sein. Wächter sein aber heißt angestrengt wach sein, stets angespannt leben, in der Unruhe der Erwartung des Rufes. Schwer ist es Jude zu sein, schwer nicht der äußeren Verfolgungen halber, sondern der inneren Bereitschaft wegen. Nur daß die innere Bereitschaft, das Anders-Sein die Verfolgungen hervorruft. Und immer wieder kommt dem Juden die Lust, dieser Schwere zu entrinnen. Dann gibt er sich der Schönheit der anderen hin, den ruhigen Harmonien ihrer duftenden Gärten — und spürt es doch hinter ihnen wie eine ewige Leere, und hört doch in sich eine Stimme, die ihn treibt, irgendwo in der Wüste, in einem brennenden Dornbusch eine Stimme zu suchen, die zu ihm spricht und die er doch nie findet. Fischer hat Spires schönes Gedicht „Jardins" vollendet übertragen, aber er hat ihm den bezeichnenden Titel: „Okzident und Orient1' gegeben, er hätte auch „Hellas und Juda" darüber schreiben können. Das ist die eine Flucht von dem jüdischen Schicksal. Auch Otokar Fischer hat sie versucht. Ob sie je voll gelingt? Aber es gibt noch eine andere, um sich die Schwere zu erleichtern. Das ist die Befreiung durch Rache, Haß und Spott. Sie kann sich nach innen richten; das ist die höhere, aber auch gefährlichere Form (Weininger hatte sie gewählt und zerbrach an ihr) — oder, in Verkennung der tieferen Bedingtheit der Verfolgungen, nach außen. Sich rächen, wenigstens der Henker der Henker sein, und gehe es nicht anders, so wenigstens durch Spott und Hohn. Fischer sieht, daß auch Heine nicht davon frei war. „Auch in dich hat sich, wie Verräterworte, die plebejische Weisheit des Judengottes eingenistet", die Weisheit des Zahn um Zahn, Auge um Auge. Und Fischer wendet sich von Heine ab. „Ich gehe wieder weiter ... Denn immer, wenn ich gemeint habe, daß ich einen Bruder habe, bin ich, von der Fremdheit verwundet, doppelt allein." Die „plebejischeWeisheit des Judengottes", die gibt es. Aber anders, als es Fischer meint* Auge um Auge, Zahn um Zahn ist Weisheit, hohe einzäumende, zügelnde Tat des Menschengeistes, der ungezügelter Rachsucht primitiver Zeiten, grausamer Verfolgung herrschender Schichten, die nicht nur im christlichen Mittelalter, sondern bis in neuzeitliche Kodifikationen hinein wirksam sind, die Gerechtigkeit des Maßes auferlegte. Aber es ist vorjüdische Weisheit, doch Weisheit, die man gemeinhin eher als aristokratisch denn als plebejisch bezeichnen könnte. Aber durch seine Propheten hat Gott eine andere Weisheit, eine wahrhaft „plebejische" im Sinne mancher Aussprüche Nietzsches verkündet, die Weisheit des Gottesknechtes, der leidend und sühnend unter den Völkern lebt, das Wappentier des Lammes an Stelle des Adlers oder des Löwen, den messianischen Traum des Friedensreiches zwischen Mensch und Tier und All, wieMensch und Tier und All nach der großen Sintflut aus Einem Hause, der Arche Noahs, stammen. Bis in dem großen plebejischen „Aufstand" des Christentums dieser Traum zum Symbol

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.